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Anne Donovan – Being Emily

Verlag: Canongate Books
Erschienen: 2008
Seiten: 298
Auf Deutsch: Emily sein oder nicht sein
Übersetzer: Eva Bonné

Fiona hat keinen leichten Stand in ihrer Familie. Die kleinen Schwestern sind die Lieblinge der Eltern und sie muss dafür auf diese aufpassen und im Haushalt helfen. Als die Mutter stirbt, übernimmt Fiona noch mehr Verantwortung, aber ihr Leben läuft immer mehr aus dem Ruder. Fiona ist fasziniert von Emily Brontë und deren Leben, sie will auch selbst Künstlerin werden und schafft es erfolgreich auf die Uni, obwohl sie aus einer Arbeiterfamilie stammt. Der Roman begleitet Fiona in den Jahren, in denen sie sich von einem Mädchen zu einer Erwachsenen verändert, die erste Liebe und ein Ziel im Leben findet.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und habe eine gewisse Eingewöhnungszeit gebraucht, weil es nicht nur in Glasgow spielt, sondern auch im örtlichen Dialekt geschrieben ist. Wenn man sich aber ein bisschen eingelesen hat, trägt das sehr zur Stimmung des Buches bei. Anne Donovan hat es außerdem geschafft, liebenswerte und authentische Charaktere zu erschaffen. Besonders Fiona ist mir durch ihre Liebe zu Kunst und Literatur ans Herz gewachsen.

Sicher ist diese Geschichte nicht neu, Coming-of-Age-Romane gibt es viele. Trotzdem bleibt mir dieses Buch dank der sympathischen Protagonistin und Schottland als Schauplatz in guter Erinnerung. :sheep4:

Bettina Belitz – Linna singt

Verlag: Script 5
Erschienen: September 2012
Seiten: 512

Linna singt. Oder doch nicht? Das ist genau die Frage, um die es sich hier dreht. Denn Linna hat seit der Auflösung ihrer Band vor fünf Jahren nicht mehr gesungen. Und auch mit den ehemaligen Bandkollegen hat sie keinen Kontakt mehr. Trotzdem lässt sie sich auf ein Probenwochenende auf einer abgelegenen Berghütte in Österreich ein. Dort werden zahlreiche Konflikte aufgearbeitet und die Situation steht mehr als einmal kurz vor der Eskalation.

Von “Splitterherz” war ich ja so genervt, dass ich von Bettina Belitz erst mal nichts mehr lesen wollte. “Linna singt” schien ganz was anderes zu sein, weshalb ich es dann doch nochmal mit der Autorin versucht habe. Leider ist Linna allerdings sowas wie Ellie 2.0, etwas älter und dafür doppelt so nervig. Eine Hauptperson muss natürlich nicht immer sympathisch sein, ein konsistentes Verhalten erwarte ich aber trotzdem. Und genau das fehlt Linna. Ich bin aus ihr einfach nicht schlau geworden, mehr als einmal konnte ich ihre Entscheidungen oder Gedanken nicht nachvollziehen.

Leider sind auch die anderen Bandmitglieder nicht besser. Jedem einzelnen von ihnen wird ein Problem, eine schlimme Vergangenheit angedichtet, wodurch jegliches verrückte Verhalten gerechtfertigt werden kann. Teilweise war die Freakshow, die die Bandmitglieder abziehen, schwer zu ertragen. Ich konnte kaum nachvollziehen, dass diese Personen zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit Freunde – oder zumindest so etwas ähnliches – gewesen sein sollten.

Trotz aller Kritikpunkte fand ich das Buch unheimlich spannend. Wenn man einmal angefangen hat, kann man es kaum noch aus der Hand legen. Ich hatte ganz andere Erwartungen an die Geschichte und musste dann unbedingt erfahren, in welche Richtung es geht und wie sich die Situation zwischen Linna und ihren Bandmitgliedern entwickelt. Am Ende war ich dann aber doch etwas enttäuscht, weil ich mir eine spektakulärere Auflösung gewünscht hätte. Dank intensiver Diskussionen in einer Leserunde sind allerdings viele richtige Vermutungen schon weit vor dem Ende des Buches aufgetaucht, weshalb einige Überraschungen nicht mehr überraschend kamen.

Insgesamt fand ich die Idee und die Geschichte ganz spannend, die Handlungsweise der Personen aber nicht immer konsistent und nachvollziehbar. Einiges wurde mir auch zu sehr aufgebauscht und in den Vordergrund gerückt, obwohl es dann am Ende eher in die Kategorie “Viel Lärm um Nichts” fiel. :sheep3:

Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt

Verlag: Hanser
Erschienen: Februar 2012
Seiten: 288

“Der Russe ist einer, der Birken liebt”. Schon der Titel dieses Romans ist ein Klischee und mit Klischees spielt die junge Autorin gekonnt in ihrem Debütroman. Ihre Protagonistin Mascha ist Mitte 20, Jüdin und Aserbaidschanerin, lebt aber seit ihrer Kindheit in Deutschland. Sie ist sehr ehrgeizig, spricht fünf Sprachen fließend und strebt eine Karriere als Dolmetscherin bei der UNO an. Eine folgenschwere Sportverletzung ihres Freundes Elias wirft sie aus der Bahn. Mascha begibt sich auf die Suche nach Heimat und Identität und verliert sich selbst immer mehr.

Das Buch, wie auch die Protagonistin Mascha, sind recht eigenwillig. In den ersten beiden Teilen des Buches konnte ich Maschas Entscheidungen und ihre Lebensweise noch verstehen, doch je mehr ihr Leben aus der Bahn läuft, desto weniger konnte ich nachvollziehen, wie sie handelt. Das macht das Buch aber keineswegs schlechter. Ganz im Gegenteil, Olga Grjasnowa zeichnet Maschas Entwicklung überzeugend und stimmig, auch wenn die Protagonistin mir als Leserin dabei immer fremder wurde.

Die sympathische Autorin, die ich im Mai bei einer Lesung live erleben durfte, hat sich in diesem Roman viel vorgenommen. So viele schwerwiegende Themen werden angesprochen, dass man kaum verstehen kann, wie diese in 288 Seiten Platz haben. Von einer Kindheit in einem Krisengebiet mit den dazugehörigen Nachwirkungen und dem Verlust eines geliebten Menschen spannt Olga Grjasnowa den Bogen zu einer Suche nach Identität und der wahren Heimat, der Zerrissenheit zwischen einem Zuhause-Fühlen und einem Ausgestoßen-Sein.

Dieses Buch und auch die Lesung der Autorin, die ich besucht habe, haben mich zum Nachdenken angeregt über Ausländer, über Menschen, die zwar in Deutschland geboren wurde, aber trotzdem nicht als Deutsche akzeptiert werden, darüber, dass manchmal nett gemeinte Fragen schon Ausgrenzung und Diskriminierung sein können. Allein für diese Denkanstöße bin ich dem Buch dankbar und bin froh, dass ich es gelesen habe. :sheep4:

Maša Kolanović – Underground Barbie

Verlag: Prospero
Erscheinungstermin: März 2012
Übersetzung: Patricia Friedrich
Seiten: 212

Die junge Erzählerin wächst in den 90er Jahren in Jugoslawien auf. Die behütete Kindheit ist von einem Tag auf den anderen vorbei, als der Krieg beginnt. Und doch geht das Leben so normal wie nur möglich weiter – mit Barbie spielen in jeder freien Minute. Der Barbiekoffer mit den wenigen wertvollen Puppen und Accessoires ist jederzeit gepackt, um ihn bei einem Luftalarm mit in den Kellern nehmen zu können.

Sehr wenig erfährt man über die Freundinnen der Erzählerin und sie selbst. Nur durch ihre Barbies und wie diese sich in die Barbie-Welt integrieren, kann man Rückschlüsse auf die Besitzerinnen ziehen. Allgemein erhält man sehr wenig Informationen über die reale Welt, hauptsächlich erzählt das Buch Barbie-Geschichten, die die Mädchen sich ausdenken. Der Krieg und die damit verbundenen Umstände spielen zwar hin und wieder eine Rolle, stehen aber nicht im Mittelpunkt.

Sehr selten schleicht sich die Realität mit Angst und Gewalt ins Barbiespiel ein, doch diese Episoden sind kurz und gehen zwischen den restlichen banaleren Themen der Mädchen schnell unter. Ich hatte ganz andere Erwartungen an das Buch, hatte mehr mit einer Erzählung über eine Kindheit im Krieg gerechnet. Die Passagen, in denen man den Krieg und die damit verbundenen Sorgen bis in die Barbie-Welt spürt, haben für mich am meisten Potential und ich hätte mir an diesen Stellen mehr Ausführlichkeit gewünscht.

Das Buch ist allerdings ganz unterhaltsam zu lesen, auch wenn ich andere Erwartungen hatte. Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit, in der man selbst mit Barbies gespielt hat und sich die wildesten Geschichten rund um die kleinen Plastikpuppen ausgedacht hat. Ergänzt werden die Geschichten noch mit kindlichen Zeichnungen, die gut zum Inhalt passen und das Buch auflockern. Die einzelnen Kapitel sind kurz und meist in sich abgeschlossen, auch wenn die Barbie-Protagonisten sowie die Erzählerin und ihre Freundinnen natürlich wiederholt auftreten.

Insgesamt ist “Underground Barbie” ein unterhaltsames Buch, das Erinnerungen an die eigene Kindheit zurückbringt. Erkenntnisse über das Leben während des Jugoslawienkrieges darf man allerdings nicht erwarten. Für mich bleibt das Buch an genau diesem Punkt zu oberflächlich, weshalb es :sheep3: von mir bekommt.

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Rachel Joyce – Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Es ist mal wieder zu viel Zeit vergangen seit dem letzten Beitrag. Es war einiges los bei mir, Geburtstag, Heimatbesuch, Finale “dahoam” und so weiter. Gelesen habe ich kaum, aber ich will euch jetzt wenigstens dieses Buch vorstellen!

Verlag: Krüger
Erscheinungstermin: 16. Mai 2012
Originaltitel: The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry
Übersetzung: Maria Andreas
Seiten: 384

Harold ist seit einiger Zeit in Rente, lebt ein eher zurückgezogenes und ruhiges Leben. Doch als er einen Brief von seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie bekommt, die todkrank ist, antwortet er zuerst nur per Brief, macht sich dann aber zu Fuß auf den Weg quer durch England, um sich persönlich von ihr zu verabschieden. Unterwegs denkt er über viele Dinge nach, trifft interessante Menschen und berührt viele mit seiner Geschichte. Erst nach und nach erfährt man, welche Rolle Queenie in Harolds Leben spielte und welche fast vergessenen Schicksalsschläge in Harolds Vergangenheit lauern.

Ich habe dieses Buch als sehr traurig empfunden und habe mich auch in meiner eigenen Stimmung davon beeinflussen lassen. Harold wirkt oft sehr unglücklich und auch die vielen Gedanken, die er sich auf seiner Wanderung macht, sind oft traurig. Allerdings wird dies ausgeglichen von schönen Zufallsbegegnungen auf seiner Reise. Viele Menschen öffnen sich Harold, erzählen ihm ihre Geschichte oder helfen ihm weiter. Trotz dieser positiven Momente bleibt mir das Buch als melancholisch in Erinnerung.

Harold ist eine sympathische, bewundernswerte Hauptperson. Von seinem eher trägen und zurückgezogenen Rentnerleben verabschiedet er sich von einer Sekunde auf die andere und verändert sich vollkommen. Oft musste ich mir sein Alter wieder in Erinnerung rufen, da er auf seiner Reise viel jünger und tatkräftiger wirkt, als zuvor. Auch seine Frau Maureen, die zu Beginn wie der größte Hausdrachen der Welt wirkte, konnte nach und nach Sympathiepunkte sammeln.

Harolds Geschichte hat mich wirklich berührt und ich habe seine Reise gern verfolgt. Die ganz große Begeisterung hat das Buch allerdings nicht in mir ausgelöst, das ist aber mehr eine Gefühlssache, die ich nicht richtig begründen kann. Für :sheep4: reicht es aber definitiv.

Die Aktion

Von der Aktion zu diesem Buch habt ihr sicher schon auf vielen anderen Blogs gelesen. Der Verlag hat das Buch vorab an 100 Blogger geschickt. Das Buch soll nach dem Lesen auf Wanderschaft gehen, ganz so wie Harold Fry. Damit man auch die Reise nachvollziehen kann, darf/soll jeder Leser Notizen ins Buch schreiben. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, direkt ins Buch zu schreiben und habe nur einige Post-Its eingeklebt.

Das Buch wandert jetzt weiter an einige Interessentinnen aus dem Literaturschock-Forum und kehrt danach hoffentlich auch zu mir zurück. Dann kann ich euch vielleicht auch berichten, ob das Buch voller Notizen ist, oder ob die anderen auch so zurückhaltend waren, wie ich.

Auf der Facebook-Seite zum Buch gibt es viele Gewinnspiele und Aktionen zum Buch und man kann sich auch als nächster Leser für ein Wanderbuch melden.

Siri Hustvedt – The Sorrows of an American

Verlag: Sceptre
Erschienen: 2008
Deutscher Titel: Die Leiden eines Amerikaners
Deutscher Verlag: Rowohlt
Seiten: 306

Ich bin ein großer Fan von Siri Hustvedts Romanen, “Was ich liebte” zählt zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Und doch fällt es mir immer wieder schwer, etwas über ihre Werke zu schreiben und meine Meinung in Worte zu fassen. Wer “Was ich liebte” mag, kann “Die Leiden eines Amerikaners” jedenfalls auch guten Gewissens lesen. Denn das Buch ist irgendwie genau so und auch irgendwie ganz anders.

Auch hier befinden wir uns in der New Yorker Künstlerszene. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Psychologe Erik, dessen Vater kürzlich verstorben ist. Beim Aussortieren seiner persönlichen Dokumente findet Erik eine geheimnisvolle Notiz, die mit der Jugend des Vaters in Verbindung zu stehen scheint. Erik liest die Tagebücher seines Vaters und forscht nach der ihm unbekannten Frau, mit der sein Vater ein Geheimnis hatte, das er bis zu seinem Tod bewahrte. Erst im Nachwort erfährt der Leser dann, dass Siri Hustvedt die Tagebucheinträge des verstorbenen Vaters, in denen er von seiner Jugend und von Kriegszeiten erzählt, fast unverändert aus den Tagebüchern ihres eigenen Vaters übernommen hat.

Zusätzlich zu dieser Reise in die Vergangenheit begleiten wir Erik auch in seiner Gegenwart, in der er sich liebevoll um seine Schwester, die nicht nur den Vater, sondern auch ihren Ehemann vor kurzem verloren hat, und seine Nichte kümmert, sich in seine Untermieterin verliebt und einige schwierige Patienten betreut. Witzig fand ich, dass Siri Hustvedt eine der Hauptpersonen aus “Was ich liebte”, Leo Hertzberg, in diesem Buch kurz bei einer Dinnerparty auftreten lässt.

Nach der Lektüre dieser knapp über 300 Seiten fühlte ich mich, als hätte ich ein 1000-seitiges Mammutwerk gelesen. Und ich habe auch ungewöhnlich lang an diesem doch recht dünnen Buch gelesen. Das liegt vermutlich daran, dass Siri Hustvedt unglaublich dicht schreibt und auch viele Themen und Personen in ihre Bücher packt. Das mag für den unkonzentrierten Leser ein großer Nachteil sein, doch ich finde es immer wieder faszinierend, wie komplex ihre Geschichten aufgebaut sind. Man bekommt nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben einer Person beschrieben, sondern lernt die gesamte Welt der Hauptpersonen kennen.

Den auftretenden Personen entsprechend wird viel über Literatur, Philosophie und Psychologie gesprochen und nachgedacht. Diese Gedanken sind durchaus melancholisch bis traurig, da in diesem Roman niemand wirklich glücklich ist. Unerfüllte Liebe, Trauer und Einsamkeit sind an der Tagesordnung, trotzdem ist es kein deprimierendes Buch, das die Stimmung des Lesers ins negative zieht. Eriks innere Monologe sind auch hin und wieder ganz unterhaltsam und erheiternd zu lesen.

Das Ende ist anders, als ich erwartet hatte, ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass Siri Hustvedt hier mit den Erwartungen des Lesers spielt und absichtlich enttäuscht. Ich bin auf jeden Fall begeistert von diesem Buch und freue mich, dass ich noch einige Werke Siri Hustvedts vor mir habe! :sheep5:

Riikka Pulkkinen – Wahr

Verlag: List
Erschienen: März 2012
Originaltitel: Totta
Übersetzung: Elina Kritzokat
Seiten: 368

Elsa hat nicht mehr lange zu leben, ihre Tochter und ihre Enkelinnen kümmern sich um sie und wollen ihre letzten Lebenstage so schön wie möglich für sie gestalten. Als ein Kleid in Großmutters Schrank auftaucht, das Jahrzehnte lang zusammen mit einer Geschichte aus der Vergangenheit in Vergessenheit geraten war, erzählt Elsa auch von weniger schönen Jahren, die ihre Ehe auf eine harte Probe stellten. Enkelin Anna zieht Parallelen zwischen der Affäre ihres Großvaters mit dem jungen Kindermädchen und einer Episode aus ihrem eigenen Leben. Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion verschwimmen immer mehr in einer emotional mitreißenden Familiengeschichte.

Sehr gefühlvoll nimmt sich Riikka Pulkkinen ihren Figuren an, lässt ihre Handlungen und Gefühle nachvollziehbar erscheinen, auch wenn man sich selbst nicht damit identifizieren kann. Sowohl die beruflich erfolgreiche Großmutter, die auch an ihren letzten Tagen ihr Leben genießt, als auch der untreue Ehemann, der über die Jahre zu einem liebevollen Großvater wurde wachsen dem Leser ans Herz. Auch die Enkelin Anna, die selbst die Erfahrung machte, “die andere Frau” zu sein und noch immer unter der Trennung leidet, wird so plastisch zum Leben erweckt, als würde man sie persönlich kennen.

Nicht nur die realitätsnahen Figuren, sondern auch die subtile Art, schwierige Themen anzugehen, haben mich an diesem Buch begeistert. Tod, Trauer, Untreue und Familiengeheimnisse stellen keine Probleme für die junge Autorin dar. Sie nimmt sich jedem Thema sehr fürsorglich an und präsentiert es dem Leser mit sehr viel Gefühl. Das Innenleben der Figuren wird sehr genau beleuchtet und detailliert beschrieben. Durch häufige Perspektivenwechsel kann man sowohl die eigene Sicht der jeweiligen Figur, als auch das Bild, das andere Figuren von ihr haben kennenlernen, wodurch ein noch mehrdimensionaleres Bild entsteht.

Vieles wird allerdings nicht in aller Deutlichkeit gesagt. Es bleibt Platz für eigene Gedanken und Interpretationen. Pulkkinen traut ihren Lesern durchaus zu, eigene Schlüsse zu ziehen, kaut nicht alles Schritt für Schritt vor. Aufmerksam und konzentriert lesen sollte man also schon, da man sonst zu leicht wichtige Details übersehen kann. Mir fiel das allerdings nicht weiter schwer, weil mich das Buch auf jeder Seite so in seinen Bann gezogen hat, dass ich die Welt um mich herum vergessen habe.

Erwartet hatte ich einen Roman über den Abschied von einem geliebten Menschen, über Alter und Trauer. Gelesen habe ich ein ganz wundervolles Buch über verschiedene Arten von Liebe, das ich guten Gewissens weiterempfehlen kann. :sheep5:

Hanna Lemke – Geschwisterkinder

Verlag: Kunstmann
Erschienen: Februar 2012
Seiten: 128

Die Geschwister Milla und Ritschie wirken etwas verloren in ihrem jeweiligen Leben, irren ziellos durch die Großstadt. Sie beginnen Beziehungen, die genau so unspektakulär enden, wie sie angefangen haben. Gemeinsam gehen sie auf die Hochzeit eines Paares, das sie eines Abends zufällig kennengelernt und dann nie wieder gesehen haben. Auch der Besuch eines alten Freundes der Familie ist beiden eher unangenehm. Einen roten Faden gibt es nicht, man begleitet die Geschwister genauso ziellos auf dem Weg durch ihren Alltag, wie auch ihr Leben selbst wirkt.

Auf jeder Seite dieser kurzen Erzählung spürt man die Suche der Protagonisten nach Liebe, nach einem Ziel im Leben, nach der Kleinigkeit, die das eigene Leben zu etwas Besonderem macht. Sie wünschen sich Nähe, die sie weder in der abgekühlten Beziehung zueinander noch in der Beziehung zu anderen Menschen finden und zulassen können. Milla versucht vergeblich, die gewünschte Wärme in einem rein körperlichen Verhältnis mit ihrem Mitbewohner zu finden. Ritschie hingegen lässt sich auf eine Beziehung mit einem Mädchen ein, das ihm offensichtlich gleichgültig ist. Dass beide Herangehensweisen zum Scheitern verurteilt sind und nicht zum Erreichen des gewünschten Ziels beitragen, dürfte klar sein.

Hanna Lemke beleuchtet oft die kleinsten Details, durchleuchtet ihre Protagonisten genau, offenbart dem Leser auch den intimsten Gedanken. Andererseits verschweigt sie dann aber die großen Zusammenhänge, so dass man Milla und Ritschie nur in einer kurzen Momentaufnahme sieht, wenig über ihre Vergangenheit weiß. Trotzdem hat man am Ende des Buches das Gefühl, die beiden schon lange zu kennen.

Hanna Lemke schreibt luftig und leicht, so dass man dieses dünne Büchlein leider viel zu schnell gelesen hat. Zurück bleibt eine etwas melancholische Stimmung und der Wunsch, Milla und Ritschie noch genauer kennengelernt zu haben, ihren Weg noch ein bisschen weiter zu begleiten. Ich bin sehr gespannt auf weitere Werke dieser jungen deutschen Autorin! :sheep4:

Chris Cleave – Little Bee

Verlag: Simon & Schuster
Erschienen: 2008
Seiten: 304
Deutscher Titel: Little Bee
Deutscher Verlag: dtv

Der Klappentext verrät nur wenig über den Inhalt und bittet den Leser auch, bei Weiterempfehlungen nicht zu viel zu verraten. Ich wusste wirklich nicht, um was es in diesem Buch geht, bevor ich angefangen habe, es zu lesen. Viele positive Rezensionen hatten mich darauf aufmerksam gemacht, aber von diesen blieb auch nur das Stichwort “afrikanisches Flüchtlingsmädchen” hängen.

Zwei Jahre vor Beginn der Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden, haben sich Little Bee, ein junges nigerianisches Mädchen, und Sarah, die mit ihrem Mann eine Urlaubsreise macht, an einem nigerianischen Strand getroffen. Was dort passiert ist, erfährt man erst recht spät im Buch, deshalb möchte ich an dieser Stelle nur sagen, dass es ein schicksalshafter Tag für alle Beteiligten war, der ihr Leben nachhaltig verändert hat.  Zu Beginn des Buches treffen die beiden sich wieder und versuchen gemeinsam, vergangene und aktuelle Geschehnisse zu verarbeiten.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Sarah und Little Bee, die zwar sehr unterschiedlich sind, in ihrer Stärke und Unabhängigkeit aber auch viele Gemeinsamkeiten haben. Interessante Charaktere sind beide und Chris Cleave hat es geschafft, die jeweiligen Kapitel ganz unterschiedlich zu erzählen und die Stimmen der Protagonistinnen von einander abzusetzen. Little Bee erklärt dem Leser oft, wie sie ihren Freundinnen zuhause englische Gegebenheiten erklären würde, wodurch sie kulturelle Unterschiede aufzeigt, ohne belehrend zu wirken. Auch wenn Sarah keine ungewöhnliche Romanfigur ist – die durchschnittliche beruflich erfolgreiche Mutter und Ehefrau – haben mir ihre Passagen fast besser gefallen. Vielleicht liegt das auch gerade daran, dass sie dem europäischen Leser näher ist als Little Bee und man sich besser mit ihr identifizieren kann. Besonders ans Herz gewachsen ist mir auch Sarahs Sohn Charlie, der nur im Batman-Kostüm auftritt und für den ein oder anderen Lacher gut ist und etwas Lockerheit in dieses sonst recht ernste Buch bringt.

Vom Anfang des Buches an arbeitet sich die Geschichte erst einmal Rückwärts, bis wir den Punkt an jenem Strand in Nigeria erreichen, an dem alles begann. Lange muss der Leser rätseln, was denn dort passiert sein könnte und als man es endlich erfährt, ist das der Höhepunkt der Geschichte. Alles was danach kam, plätscherte nur noch vor sich hin und war für mich nicht mehr so interessant. Einige Wendungen gegen Ende waren für mich nicht nachvollziehbar, ich hätte mir einen anderen Schlusspunkt gewünscht und hatte von Sarah eine reifere und durchdachtere Handlungsweise erwartet.

Es ist sehr schade, dass die zweite Hälfte des Buches die aufgebaute Spannung nicht halten kann, denn in der ersten Hälfte war ich so begeistert von “Little Bee”, dass ich ohne Bedenken die Höchstwertung vergeben hätte. So reicht es dank der interessanten Geschichte und der überragenden ersten Hälfte für :sheep4:

Steinar Bragi – Frauen

Verlag: Kunstmann
Erschienen: August 2011
Originaltitel: Konur
Übersetzung: Kristoff Magnusson
Seiten: 254

Im Oktober war ich im Literaturhaus München bei einer Lesung von Gyrðir Elíasson und Steinar Bragi. Während “Am Sandfluss” von ersterem mein Interesse nicht wecken konnte, fand ich die Thematik von “Frauen” sofort spannend. Nun habe ich das Buch gelesen und bin froh, dass ich meine Bedenken bezüglich des schwierigen Themas überwunden habe.

Eva ist Künstlerin und hat lange Zeit in den USA gelebt. Nach dem plötzlichen Kindstod ihrer kleinen Tochter, der auch der Grund für die immer schwieriger werdende Beziehung zu ihrem Freund ist, kehrt sie in ihre Heimat Island zurück und bekommt ein verlockendes Angebot: Sie kann in einer großen Wohnung mitten im Zentrum mietfrei wohnen, soll nur die Blumen gießen und die Katze füttern, während die eigentliche Mieterin auf Reisen ist. Der erste Verdacht kommt auf, als sie in der Wohnung weder Blumen noch Katze vorfindet. Dann erfährt Eva auch noch, dass die Vormieterin in der Wohnung Selbstmord begangen hat. Bei ihren Ausflügen in die Stadt fühlt sie sich stets verfolgt und auch andere Dinge kommen ihr immer komischer vor.

Denkt man auch als Leser zu Beginn nichts Schlimmes, unterstellt Eva ein Alkoholproblem und Paranoia, merkt man doch recht schnell, dass an der Situation etwas nicht stimmt. Spätestens im zweiten Teil des Buches begreift man das volle Ausmaß der Geschichte, in die Eva da hineingeraten ist. Mein Entsetzen wurde jedenfalls mit jeder gelesenen Seite größer und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, obwohl ich mich andererseits auch abgestoßen fühlte und manche Details lieber nicht erfahren hätte. Mehr möchte ich darüber auch gar nicht sagen, da ich nicht zu viel über den Inhalt verraten will.

Eva ist eine wahnsinnig interessante Hauptfigur. Bis zum Ende bin ich nicht schlau aus ihr geworden und auch wenn sie in diesem Buch mit einer extremen Situation konfrontiert wird, war sie doch auch vorher schon ein extremer Mensch. Alkoholexzesse wechseln sich ab mit Reue und guten Vorsätzen. Auch zwischenmenschliche Beziehungen kann sie nicht konstant führen, sie schwankt zwischen absoluter Vertrauensseligkeit und starker Abneigung. Als Erzählerin macht sie sich schnell unglaubwürdig, Erinnerungslücken durch übermäßigen Konsum von Alkohol oder Drogen sind keine Seltenheit und manche ihrer Erlebnisse muten wie Wahnvorstellungen an. So verschwimmt auch für den Leser immer mehr die Grenze zwischen Realität und grausamem Albtraum. Trotz ihrer schlimmen Situation fügt Eva sich schnell und nimmt vieles als gegeben hin. Hin und wieder lehnt sie sich auf, ihre gescheiterten Versuche, der Situation zu entkommen, lassen sie allerdings sofort aufgeben. Ihre absolute Lethargie kann man aus folgendem Zitat herauslesen:

Langsam kehrte so etwas wie Routine ein. Anfangs schien es, als ob sich alles in ihrem Leben verändert hätte, doch nun fiel ihr auf, dass in Wahrheit gar nicht so viel anders geworden war, außer vielleicht die Art und Weise, wie sich das Leben ihr “präsentierte”. Die Ratlosigkeit, die Resignation und dieses Gefühl des Eingeengtseins begleiteten sie schon lange Zeit, nun hatte all das eine konkrete Gestalt angenommen – ihre inneren Mauern waren nun außen und sie konnte das Problem beim Namen nennen [S. 165]

Ich lese sehr selten Bücher dieser Art, da ich Szenen, in denen es um körperliche und psychische Gewalt geht schlecht vertrage. Das Wort “Thriller” allein schon schreckt mich ab. “Frauen” ist aber viel mehr als das, die Handlung kreist hauptsächlich um die Hauptfigur und ihre Selbstfindungsphase, ihre Probleme mit ihrem Leben fertigzuwerden und später auch ihre Art und Weise, mit ihrer veränderten Situation fertigzuwerden und gibt dabei tiefe Einblicke in die menschliche Psyche. Für mich war es sehr spannend zu lesen,  ich habe von Seite zu Seite zwischen absoluter Faszination und Abstoßung geschwankt und das Buch innerhalb kürzester Zeit durchgelesen. :sheep5: