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Nataša Dragnić – Immer wieder das Meer

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Erschienen: April 2013
Seiten: 368

Nataša Dragnićs Debütroman “Jeden Tag, jede Stunde” war eines meiner Highlights 2011 und ist mir bis heute in guter Erinnerung geblieben. Die Autorin hat mich davon überzeugt, dass nicht jeder Liebesroman kitschig sein muss und trotz aller Vorurteile literarischen Anspruch haben kann. Entsprechend hohe Erwartungen hatte ich an ihren zweiten Roman “Immer wieder das Meer”, der vor wenigen Tagen erschienen ist.

Drei Schwestern – ein Mann, so kann man die Handlung kurz zusammenfassen. Roberta, Lucia und Nannina verlieben sich nacheinander in den Dichter Alessandro Lang, doch nur eine wird ihn am Ende heiraten. Eifersucht und Streitigkeiten innerhalb der Familie sind vorprogrammiert.

In drei Erzählsträngen und Zeitebenen begleitet der Leser die Geschichte der Familie Alessi. Zum einen gibt es den geradlinig erzählten Handlungsstrang rund um die drei Schwestern, der in den 80er Jahren beginnt und sie bis in die heutige Zeit begleitet. In kurzen Einschüben lässt eine Ich-Erzählerin an ihrer Hochzeit mit dem begehrten Alessandro teilhaben. Andere eher kurz gehaltene Kapitel drehen sich hauptsächlich um die Eltern, das Älterwerden und Abschiednehmen. Dabei ist es etwas schwer, die zeitlichen Zusammenhänge im Auge zu behalten, da diese Ereignisse in der Haupthandlung erst viel später passieren.

So sehr mich “Jeden Tag, jede Stunde” mitgenommen hat auf eine emotionale Achterbahnfahrt, ließ mich “Immer wieder das Meer” völlig kalt. Die großen Gefühle, vor allem der Charme des allseits begehrten Alessandro, kamen nicht bei mir an. So war es mir am Ende auch egal, welche der drei Schwestern ihn heiraten würde (zumal ich mit meiner Vermutung, die ich seit dem ersten Kapitel hatte, richtig lag).

Vermutlich bin ich mit zu hohen Erwartungen an das Buch herangegangen, die einfach nicht erfüllt werden konnten. Wer leichte Sommer-Sonne-Strand-Lektüre mit ein bisschen Familiendrama sucht und sich von den Zeitsprüngen nicht abschrecken lässt, wird vermutlich seinen Spaß haben. Ich fand das Buch leider nur mittelmäßig. :sheep3:

Tash Aw – Harmony Silk Factory

Verlag: Harpercollins
Erschienen: 2005
Seiten: 384
Auf Deutsch: Die Seidenmanufaktur “Zur schönen Harmonie”

Wir drehen uns im Kreis um die wahre Geschichte des Johnny Lim. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat es trotz allen Widrigkeiten geschafft, ein erfolgreicher Kaufmann zu werden und die schöne Snow zu heiraten. Erzählt wird seine Lebensgeschichte in drei Teilen. Zuerst kommt Johnnys Sohn zu Wort, der versucht, das Leben seines Vaters zu rekonstruieren. In einem zweiten Teil wird dem Leser Einblick in Snows Tagebuch gewährt, die vom Kennenlernen und einer gemeinsamen Reise erzählt. Mit auf dieser Reise war unter anderem auch Johnnys bester Freund, der Engländer Peter. Aus seiner Perspektive ist der letzte Teil geschrieben.

Durch die dreigeteilte Erzählung wiederholt sich einiges, man kann manche Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Das kann manchmal ganz interessant sein, meistens haben mich diese Wiederholungen aber eher gelangweilt. Alle drei Erzählungen kreisen um Johnny Lim, und obwohl er aus der Sicht naher Verwandter/enger Freunde beschrieben wird, bleibt er wenig greifbar. Nach 400 Seiten, die sich nur um diese eine Person drehen, ist mir noch immer nicht klar, was für ein Mensch er eigentlich war.

Am ermüdendsten fand ich den letzten Teil des Buches. Peter wechselt in seiner Erzählung zwischen seinem Leben im Altenheim und Rückblenden auf die Reise, die er mit Johnny, Snow und einem japanischen Professor verbracht hat. Diese seltsamen verspäteten Flitterwochen von Johnny und Snow finden auf einer geheimnisvollen Insel statt. Man kennt einen Großteil der Geschichte schon aus Snows Tagebuch und bekommt von Peter leider nur noch wenige fehlende Puzzleteile geliefert, so dass mir nicht ganz klar war, warum hier vieles nochmal erzählt wird.

Interessant waren die Einblicke in das Leben in Malaysia in den 40er Jahren und den Einfluss, den der zweite Weltkrieg auf das Land hatte. Der eigentlichen Geschichte konnte ich allerdings nicht sehr viel abgewinnen, auch wenn sie mit dem Bericht des Sohnes und den Tagebucheinträgen Snows ganz unterhaltsam begann.  :sheep3:

Marie Lu – Legend – Fallender Himmel

Verlag: Loewe
Erschienen: September 2012
Original: Legend
Übersetzung: Sandra Knuffinke, Jessika Komina
Seiten: 363

Sind June und Day das neue Traumpaar der Jugendliteratur? Eigentlich könnten sie unterschiedlicher nicht sein. June lebt in gehobenen Verhältnissen, ist hochintelligent und steht mit ihren 15 Jahren kurz vor dem Uni-Abschluss. Day hingegen lebt von der Hand in den Mund, kann sich gerade so über Wasser halten und ist der meistgesuchte Verbrecher der Republik.

Wie bei fast jedem Jugendbuch, das erscheint, handelt es sich bei “Legend” um eine Dystopie. Amerika befindet sich im Krieg mit den Kolonien, das Militär steht an höchster Stelle im Staat. Jeder Jugendliche muss einen Test absolvieren, der über die Zukunft entscheidet. Ob Arbeitslager oder Karriere, das alles wird je nach Testergebnis entschieden. Immer wieder brechen Seuchen aus, die die armen Bevölkerungsschichten bedrohen. Medizin gibt es nur für die Reichen. Bei dem verzweifelten Versuch Days, Seuchenmedizin für seine Familie zu besorgen, wird sein Schicksal untrennbar mit dem Junes verknüpft.

Hat man einmal angefangen, “Legend” zu lesen, kann man kaum noch aufhören. Ein Ereignis jagt das nächste, die Seiten blättern sich wie von selbst um und schon ist man am Ende. Das Buch ist wirklich sehr spannend und rasant geschrieben. Es gibt kaum Zeit zum Erholen, ruhige Passagen sind selten. Da Jugendbüchern häufig so sind, hat es mich nur minimal gestört, dass vieles nicht ausführlich erzählt, sondern schnell abgehandelt wird.

Ein Kritikpunkt für mich ist allerdings, dass die Geschichte recht wenig Substanz hat. Viel passiert eigentlich nicht und einiges war mir auch schon klar, bevor es explizit erwähnt wird. Ich habe das Gefühl, einige Aspekte so ähnlich schon in einigen Jugendbuch-Dystopien gelesen zu haben und bei manchen Dingen weiß man als Leser einfach gleich, auf was es hinaus läuft. Ich will nichts vorweg nehmen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle auf Beispiele. Weil es nur recht wenig Gelegenheit gibt, June und Day genauer kennenzulernen, war mir manchmal auch nicht ganz klar, warum sie handeln, wie sie handeln und auch die Anziehung zwischen den beiden kam für mich komplett aus dem Nichts.

Sehr dankbar bin ich Marie Lu, dass sie auf einen Cliffhanger am Ende verzichtet hat. Auch wenn es sich bei “Legend” um eine Trilogie handelt, hat der erste Band einen halbwegs zufriedenstellenden Abschluss. Natürlich sind für die weiteren Bände noch genug Fragen offen, aber ich könnte mit dem Ende dieses Buches gut leben, ohne eine Fortsetzung zu lesen.

Insgesamt ist “Legend” ein solides Jugendbuch, das sich schnell lesen lässt und gute Unterhaltung bietet. Allerdings waren mir manche Aspekte zu knapp abgehandelt, andere wirkten wie recycelte Ideen aus anderen Büchern. Ich habe das Buch ganz gerne gelesen, weiß aber nicht, ob mich die Fortsetzung interessiert. :sheep3:

Bettina Belitz – Linna singt

Verlag: Script 5
Erschienen: September 2012
Seiten: 512

Linna singt. Oder doch nicht? Das ist genau die Frage, um die es sich hier dreht. Denn Linna hat seit der Auflösung ihrer Band vor fünf Jahren nicht mehr gesungen. Und auch mit den ehemaligen Bandkollegen hat sie keinen Kontakt mehr. Trotzdem lässt sie sich auf ein Probenwochenende auf einer abgelegenen Berghütte in Österreich ein. Dort werden zahlreiche Konflikte aufgearbeitet und die Situation steht mehr als einmal kurz vor der Eskalation.

Von “Splitterherz” war ich ja so genervt, dass ich von Bettina Belitz erst mal nichts mehr lesen wollte. “Linna singt” schien ganz was anderes zu sein, weshalb ich es dann doch nochmal mit der Autorin versucht habe. Leider ist Linna allerdings sowas wie Ellie 2.0, etwas älter und dafür doppelt so nervig. Eine Hauptperson muss natürlich nicht immer sympathisch sein, ein konsistentes Verhalten erwarte ich aber trotzdem. Und genau das fehlt Linna. Ich bin aus ihr einfach nicht schlau geworden, mehr als einmal konnte ich ihre Entscheidungen oder Gedanken nicht nachvollziehen.

Leider sind auch die anderen Bandmitglieder nicht besser. Jedem einzelnen von ihnen wird ein Problem, eine schlimme Vergangenheit angedichtet, wodurch jegliches verrückte Verhalten gerechtfertigt werden kann. Teilweise war die Freakshow, die die Bandmitglieder abziehen, schwer zu ertragen. Ich konnte kaum nachvollziehen, dass diese Personen zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit Freunde – oder zumindest so etwas ähnliches – gewesen sein sollten.

Trotz aller Kritikpunkte fand ich das Buch unheimlich spannend. Wenn man einmal angefangen hat, kann man es kaum noch aus der Hand legen. Ich hatte ganz andere Erwartungen an die Geschichte und musste dann unbedingt erfahren, in welche Richtung es geht und wie sich die Situation zwischen Linna und ihren Bandmitgliedern entwickelt. Am Ende war ich dann aber doch etwas enttäuscht, weil ich mir eine spektakulärere Auflösung gewünscht hätte. Dank intensiver Diskussionen in einer Leserunde sind allerdings viele richtige Vermutungen schon weit vor dem Ende des Buches aufgetaucht, weshalb einige Überraschungen nicht mehr überraschend kamen.

Insgesamt fand ich die Idee und die Geschichte ganz spannend, die Handlungsweise der Personen aber nicht immer konsistent und nachvollziehbar. Einiges wurde mir auch zu sehr aufgebauscht und in den Vordergrund gerückt, obwohl es dann am Ende eher in die Kategorie “Viel Lärm um Nichts” fiel. :sheep3:

Heinrich Harer – Sieben Jahre in Tibet

Verlag: Ullstein
Erschienen: 1952
Seiten: 464

Vor vielen Jahren habe ich die Verfilmung mit Brad Pitt in der Hauptrolle gesehen und als mir das Buch dann in die Hände fiel, wollte ich die Geschichte Heinrich Harrers von seiner Reise nach Tibet auch gerne selbst lesen. Als während einer Himalaya-Expedition, an der der österreichische Bergsteiger teilnimmt, der zweite Weltkrieg ausbricht, wird die Gruppe in ein Internierungslager in Indien gebracht. Nach einigen gescheiterten Ausbruchversuchen gelingt tatsächlich die Flucht und Harrer schlägt sich mit seinem Kollegen Peter Aufschnaiter nach Tibet durch.

Heinrich Harrer sagt zu Beginn des Buches selbst, dass es sich nicht um einen Roman handelt, der seine Erfahrungen in schöne Worte verpackt, sondern um einen Bericht. Und genau das muss man auch erwarten. Die Sprache ist nüchtern und geradlinig, nichts wird umschrieben oder ausgeschmückt, Harrer erzählt genau das, was passiert ist, ohne zu viele Worte zu verlieren.

Das ist zugleich Vor- und Nachteil des Buches. Einerseits erhält man Informationen aus erster Hand, Heinrich Harrer war wirklich selbst in Tibet und hat alles erlebt, was er in seinem Buch berichtet. Andererseits ist es teilweise ermüdend zu lesen, wenn ein Fluchtversuch dem nächsten folgt und dann endlos durch Tibet gewandert wird. Erst als Harrer und Aufschnaiter Lhasa erreichen, wurde es für mich wirklich interessant. Über die Kultur Tibets zu lesen, aus einer Zeit, in der es kaum Einflüsse von außen gab, fand ich sehr spannend. Doch auch hier gibt es Punkte, die lange ausgeführt werden und Details, die mich persönlich mehr interessiert hätten, die aber nur kurz angesprochen werden.

Zur reinen Unterhaltung ist dieses Buch also sicher nicht geeignet, man muss sich schon für Tibet interessieren, dann kann man über die langweiligeren Passagen hinwegsehen. Da ich mich teilweise schwer zum Weiterlesen motivieren konnte, gibt es nur :sheep3:

Sophie Kinsella – Mini Shopaholic

Verlag: Random House
Erschienen: 2010
Seiten: 458

Im Vorgänger-Band war Becky schwanger und nun ist es da, das Shopaholic-Baby. Die kleine Minnie kommt ganz nach ihrer Mama und entwickelt schnell einen Blick für die tollsten Schnäppchen. Jetzt reizt Becky also nicht nur für sich selbst ihr Kreditkartenlimit bis zum Maximum aus, auch für die Zweijährige müssen Designer-Klamotten und die tollsten Spielsachen her. Doch in Zeiten der Wirtschaftskrise sitzt das Geld nicht mehr so locker, auch Beckys Kunden, die sie als persönliche Shopperin berät müssen zurückstecken. Zusätzlich hat die junge Familie noch immer kein geeignetes Haus gefunden und wohnt nach wie vor bei Beckys Eltern. Wie gewohnt meistert Becky charmant alle Schwierigkeiten und lässt dabei kein Fettnäpfchen aus.

Was soll man über das sechste Buch einer Reihe noch sagen? Wie auch schon die Vorgänger habe ich Beckys neueste Abenteuer gerne gelesen. Sophie Kinsella beschreibt das aufregende Leben der Shopping-Süchtigen und ihrer Familie und Freunde gewohnt unterhaltsam. Beckys Tochter Minnie empfand ich allerdings eher als störenden Faktor und nicht als Bereicherung für das Buch. Sie ist ein quengelndes Kind, das an der Kasse ausflippt, wenn es nicht bekommt, was es will und auch sonst die gesamte Familie terrorisiert – ein Kind, wie man es selbst nicht haben will.

Es ist zwar mit jedem neuen Roman eine Freude, Becky wieder für einige Zeit begleiten zu können, allerdings kennt man sie nach insgesamt 6 Büchern fast ein bisschen zu gut. Ihre Verhaltensmuster sind durchschaubar, man weiß meistens schon vorher, in welche peinliche Situation sie sich jetzt wieder bringt und kann sich auch denken, wie sie sich daraus zu retten hofft. Viel Neues gibt es also nicht zu entdecken, aber für ein paar unterhaltsame Stunden mit “alten Bekannten” ist das Buch schon gut. Eine Fortsetzung würde ich natürlich wieder lesen, auch wenn die ersten Teile der Reihe wesentlich besser waren. :sheep3:

Maša Kolanović – Underground Barbie

Verlag: Prospero
Erscheinungstermin: März 2012
Übersetzung: Patricia Friedrich
Seiten: 212

Die junge Erzählerin wächst in den 90er Jahren in Jugoslawien auf. Die behütete Kindheit ist von einem Tag auf den anderen vorbei, als der Krieg beginnt. Und doch geht das Leben so normal wie nur möglich weiter – mit Barbie spielen in jeder freien Minute. Der Barbiekoffer mit den wenigen wertvollen Puppen und Accessoires ist jederzeit gepackt, um ihn bei einem Luftalarm mit in den Kellern nehmen zu können.

Sehr wenig erfährt man über die Freundinnen der Erzählerin und sie selbst. Nur durch ihre Barbies und wie diese sich in die Barbie-Welt integrieren, kann man Rückschlüsse auf die Besitzerinnen ziehen. Allgemein erhält man sehr wenig Informationen über die reale Welt, hauptsächlich erzählt das Buch Barbie-Geschichten, die die Mädchen sich ausdenken. Der Krieg und die damit verbundenen Umstände spielen zwar hin und wieder eine Rolle, stehen aber nicht im Mittelpunkt.

Sehr selten schleicht sich die Realität mit Angst und Gewalt ins Barbiespiel ein, doch diese Episoden sind kurz und gehen zwischen den restlichen banaleren Themen der Mädchen schnell unter. Ich hatte ganz andere Erwartungen an das Buch, hatte mehr mit einer Erzählung über eine Kindheit im Krieg gerechnet. Die Passagen, in denen man den Krieg und die damit verbundenen Sorgen bis in die Barbie-Welt spürt, haben für mich am meisten Potential und ich hätte mir an diesen Stellen mehr Ausführlichkeit gewünscht.

Das Buch ist allerdings ganz unterhaltsam zu lesen, auch wenn ich andere Erwartungen hatte. Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit, in der man selbst mit Barbies gespielt hat und sich die wildesten Geschichten rund um die kleinen Plastikpuppen ausgedacht hat. Ergänzt werden die Geschichten noch mit kindlichen Zeichnungen, die gut zum Inhalt passen und das Buch auflockern. Die einzelnen Kapitel sind kurz und meist in sich abgeschlossen, auch wenn die Barbie-Protagonisten sowie die Erzählerin und ihre Freundinnen natürlich wiederholt auftreten.

Insgesamt ist “Underground Barbie” ein unterhaltsames Buch, das Erinnerungen an die eigene Kindheit zurückbringt. Erkenntnisse über das Leben während des Jugoslawienkrieges darf man allerdings nicht erwarten. Für mich bleibt das Buch an genau diesem Punkt zu oberflächlich, weshalb es :sheep3: von mir bekommt.

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Ben Aaronovitch – Die Flüsse von London

Verlag: dtv
Erschienen: Januar 2012
Originaltitel: Rivers of London
Übersetzung: Karlheinz Dürr
Seiten: 480

Peter Grant hat gerade seine Ausbildung als Polizist abgeschlossen, als er eines Nachts einen Geist sieht. Kurz darauf wird er in die Magie-Abteilung der Londoner Polizei versetzt, von der er bisher noch nie gehört hat und ermittelt mit seinem Vorgesetzten in einer grausamen Mordserie. Gleichzeitig wird Peter zum Zauberlehrling ausgebildet und in die Kunst der Magie eingeweiht.

London, Magie und nebenbei ein spannender Kriminalfall, das musste ich natürlich lesen. Und meine Erwartungen an das Buch waren hoch. Die Geschichte von Peter ist auch wirklich spannend und gönnt dem Leser keine Verschnaufpause. Mit unheimlichem Tempo rast man mit dem frischgebackenen Zauberlehrling durch eine magische Version von London, so dass man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen würde.

Leider bleibt in dieser Parallelwelt, in der Zauberei in den Alltag integriert ist, vieles unklar. Peter lernt diese Welt zwar auch erst kennen, aber manchmal hätten ein paar Erklärungen nicht geschadet. Ich brauche nicht in jedem Buch seitenlange Beschreibungen der Personen und der Umgebung oder ausführliches Hintergrundwissen. Ein paar Fakten muss es aber in jeder guten Geschichte geben. Wenn man keine Ahnung hat, in was für einer Welt man sich gerade befindet, kann man auch die spannendste Handlung nicht richtig genießen, weil zu viele Fragen offen bleiben. Anspielungen auf andere Fantasy-Bücher gibt es auch noch, doch eigentlich ist es nicht mehr lustig, wenn man zum 100. mal liest, dass “echte” Vampire nicht glitzern.

Oft hatte ich das Bedürfnis, mir einen Stadtplan von London neben das Buch zu legen. Ständig werden Straßennamen und Stadtviertel erwähnt, die dem Durchschnittsleser nicht viel sagen dürften. Zur Orientierung wäre vielleicht eine Karte im Buch hilfreich gewesen, so habe ich die geografischen Angaben nur schnell überflogen, da ich damit – bis auf wenige Ausnahmen – nichts anfangen konnte.

Ich hatte eigentlich ein Jugendbuch erwartet und war dann überrascht, dass es doch recht blutig und gewalttätig zugeht. Damit habe ich mich dann allerdings recht schnell abgefunden und das Buch trotzdem ganz gerne gelesen. Es stecken viele interessante Ideen in Ben Aaronovitchs Geschichte, zum Beispiel die Titelgebenden Flüsse von London. Jedem Nebenfluss ist eine Person zugeordnet und einige davon spielen wichtige Rollen in Peters Ermittlungen. Leider fehlen mir auch hier einige Informationen, die das Konzept noch interessanter gemacht hätten.

Man muss natürlich auch bedenken, dass es sich um eine Buchreihe handelt und der Autor noch nicht alles im ersten Band verraten kann. Mir persönlich wird aber trotzdem zu wenig erklärt und gerade in Bezug auf den Kriminalfall, der in diesem Buch ja abgeschlossen ist, hätte ich mir manche Dinge ausführlicher gewünscht. Ich bin noch nicht sicher, ob ich den zweiten Band, der im Juli unter dem Titel “Schwarzer Mond über Soho” auf Deutsch erscheint, auch lesen werde. Einerseits finde ich Peter eine sehr interessante Figur, deren weiteren Werdegang ich gerne verfolgen würde, andererseits befürchte ich, dass der Autor seine Art zu schreiben beibehalten hat und mir auch im zweiten Band die Ausführichkeit fehlen würde.

Fazit: “Die Flüsse von London” ist eine rasante und spannende Geschichte, die Potential verschenkt, weil vieles nur oberflächlich abgehandelt und nicht ausführlich erklärt wird. :sheep3:

Cornelia Funke – Tintenblut

Verlag: Dressler
Erschienen: 2005
Seiten: 729

Achtung: Da es sich um den zweiten Teil einer Trilogie handelt, könnten hier Spoiler für den ersten Teil enthalten sein!

Spielte der erste Band “Tintenherz” noch komplett in der realen Welt, darf der Leser nun Meggie, Farid und Staubfinger endlich in die Tintenwelt begleiten. Auch der Autor Fenoglio ist dort gelandet und versucht mit Meggies Hilfe, seine aus dem Ruder gelaufene Geschichte wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Doch immer mehr geht schief in der Tintenwelt und so manche Situation kann selbst der Autor nicht wieder geraderücken.

Lange hat es gedauert, bis mich dieser zweite Band gefesselt hat. Ich fand es zwar schön, mit Meggie zusammen die Tintenwelt zu erforschen, Staubfingers Rückkehr zu seiner Roxanne zu verfolgen und Ombra, die kunterbunte Welt der Spielleute und vieles mehr kennenzulernen. Spannung kommt aber sehr lange nicht auf. Die Handlung plätschert über mehrere hundert Seiten vor sich hin und ich musste mich immer wieder zwingen, das Buch überhaupt zur Hand zu nehmen. Auf den letzten 200 Seiten war die Spannung dann plötzlich wieder da, ich konnte endlich wieder mit Meggie und all den anderen Charakteren mitfiebern und bin jetzt auch gespannt, wie Cornelia Funke die Trilogie in “Tintentod” zu Ende bringt.

Auch an Tintenherz störte mich schon, dass alle Charaktere strikt in gut und böse eingeteilt und auch eher eindimensional sind. Die Zielgruppe der Trilogie dürften wohl trotz der vielen Seiten eher Kinder sein, doch auch denen traue ich zu einzusehen, dass Menschen sowohl positive als auch negative Eigenschaften haben können. Ein weiteres Problem habe ich mit Meggies Alter und ihrer angeblichen großen Liebe. Ich habe als kleines Mädchen auch gerne romantische Geschichten gelesen und fand den ein oder anderen Jungen süß. Trotzdem glaube ich nicht, dass man mit 13 schon in diesem Ausmaß verliebt sein kann und eine beinahe erwachsene Beziehung eingeht. Wäre Meggie ein paar Jahre älter, wäre das alles viel glaubhafter.

Insgesamt fand ich “Tintenblut” vor allem wegen der fehlenden Spannung schwächer als “Tintenherz”. Trotzdem hat es Cornelia Funke geschafft, eine fantasievolle Welt zu erschaffen. Insbesondere aber liest sich die Tintentrilogie wie eine einzige Liebeserklärung an die Literatur und das Schreiben. Und deshalb kann ich auch ein paar Augen zudrücken, wenn die Handlung nicht ganz meinem Geschmack entspricht. :sheep3:

Ju Honisch – Das Obsidianherz

Verlag: Feder & Schwert
Erschienen: Februar 2008
Seiten: 809

Jetzt muss ich mich dringend aufraffen, endlich meine Meinung zu diesem Buch aufzuschreiben, obwohl ich mir immer noch nicht sicher bin, wie ich es denn fand. Anfangs hatten mich die sehr begeisterten Rezensionen überzeugt, die ich kurz nach Erscheinen des Buches gelesen habe. Der Schauplatz (München) und die Zeit, in der die Geschichte spielt (19. Jahrhundert) finde ich grundsätzlich auch sehr spannend. Es war also klar: Dieses Buch muss ich haben. Und nun kommt meine abschließende Meinung, die leider nicht ganz so positiv ausfällt, wie ich erwartet hätte:

In einem Münchner Hotel ist ein magisches Manuskript verschwunden, das in den falschen Händen den Untergang der ganzen Welt zur Folge haben könnte. Zahlreiche Personen versammeln sich dort, um entweder das Manuskript in die eigene Gewalt bringen zu können oder es vor dem Zugriff anderer zu schützen. Auch unbeteiligte Reisende werden in die Sache hineingezogen. Und um das Ganze noch etwas interessanter zu machen, gibt es in dieser Geschichte nicht nur normale Menschen, sondern auch Fey mit diversen übernatürlichen Fähigkeiten.

Am Anfang war ich schier erschlagen von den vielen Personen, die einem auf wenigen Seiten präsentiert werden, doch zum Glück gibt es eine spoilerfreie Personenübersicht, die man zu Rate ziehen kann, wenn man wieder einmal nicht mehr weiß, wer jetzt mit wem welchen Plan verfolgt. Da gibt es zum einen den britischen Agenten Delacroix, der in Zusammenarbeit mit zwei bayerischen Offizieren und Cérise Denglot, einer berühmten Opernsängerin, im Auftrag König Ludwigs II. das Manuskript sicherstellen soll. Dann wäre da eine junge Dame, Corrisande Jarrencourt, die eigentlich mit ihrer Anstandsdame und ihrer Zofe nur in München ist, um sich einen geeigenten Ehemann zu suchen, aber ganz unerwartet in die Geschichte rund um das geheimnisvolle Manuskript gezogen wird. Außerdem gibt es noch einen Vampir, eine Gruppe fanatischer Ordensbrüder und eine ganze Menge anderer magischer und nichtmagischer Figuren.

Wer mich ein bisschen kennt, wird wissen, dass ich kein Freund dicker Bücher bin. So haben mich auch hier die über 800 Seiten lange Zeit abgehalten, das Buch zur Hand zu nehmen. Und auch jetzt bin ich noch zwiegespalten, ob es gerechtfertigt war, die Geschichte so ausführlich zu erzählen. Man muss Ju Honisch zugute halten, dass sie sich Zeit nimmt für ihre Charaktere. Sie erweckt sie bis zur kleinsten Nebenfigur auf jeder Seite mehr zum Leben und erschafft eine unglaublich dichte Atmosphäre, die den Leser wirklich in das magische München des Jahres 1865 versetzt. Und doch denke ich, dass 200 Seiten weniger auch gereicht hätten.

Der Spannungsbogen war für mich eher eine Spannungs-Schwankung, die auch manchmal in den negativen Bereich absinkt. Immer wieder gibt es mitreißende Passagen, in denen viel Action geboten ist, in denen man das Buch kaum mehr aus der Hand legen mag. Dann gibt es ruhigere Kapitel, die notwendig sind, um komplexe, mehrdimensionale Figuren zu erschaffen und die Atmosphäre zu erzeugen. Zusätzlich sind mir allerdings Kapitel aufgefallen, in denen einfach viel geredet, das gerade Geschehene von diversen Personen wieder und wieder durchgekaut und das geplante Handeln besprochen wird. An dieser Stelle wären mir persönlich Kürzungen lieb gewesen, aber natürlich gibt es auch Leser, für die ein Buch gar nicht dick genug sein kann.

Bei so vielen Figuren ist es ganz natürlich, dass man manche sympathisch findet und andere eher nicht mag. Einige sind logischerweise auch als Unsympathen konzipiert. Trotzdem fiel es mir bei Kapiteln über einen gewissen Orden sehr schwer, am Ball zu bleiben. Zu grausam und fanatisch waren mir diese Brüder und ich fand sie abstoßend und nervig. Leider spielen sie eine nicht gerade kleine Rolle im Roman und sind wohl leider dringend nötig für die Handlung.

Ein großes Plus ist die äußere Aufmachung des Buches. Ich finde das Cover sehr gelungen und auch das kleine Format liegt gut in der Hand. Besonders schön ist die Gestaltung der Kapitelüberschriften mit kleinen Tintenklecksen, in denen man mit ein bisschen Fantasie auch mehr als bloße Kleckse sehen kann. Bei den Seitenzahlen hätte ich mir allerdings eine leserlichere Schriftart gewünscht, so dass man nicht raten muss, auf welcher Seite man sich gerade befindet.

Fazit: Das Obsidianherz ist für mich eine wunderbare, fesselnde Mischung aus dem realen München des 19. Jahrhunderts und einer fantastischen Parallelwelt. Die Charaktere sind glaubhaft und dreidimensional angelegt, ihre Menge erfordert trotz des Personenregisters einiges an Konzentration. Leider gab es für mich einige Längen, die mein Leseerlebnis getrübt haben. Mit meiner Bewertung bin ich mir sehr unsicher, ich würde mich am ehesten zwischen :sheep3: und :sheep4: einpendeln.

Die sympathische Website der Autorin ist übrigens einen Besuch wert!