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Lloyd Jones – Mister Pip

Verlag: Hodder & Stoughton
Erschienen: 2006
Deutscher Titel: Mister Pip
Seiten: 223

Matilda lebt während des Bürgerkrieges auf der Pazifikinsel Bougainville. Aus Ermangelung eines Lehrers übernimmt Mr. Watts, der einzige Weiße auf der Insel, den Schulunterricht. Er liest den Kindern aus “Große Erwartungen” von Charles Dickens vor und die Hauptfigur Pip erwacht für die Schüler schon bald zum Leben und nimmt eine wichtige Stellung ein.

Eigentlich hätte mir dieses Buch gefallen müssen und ich war auch überzeugt, dass ich an dem exotischen Setting und dem literarischen Bezug viel Spaß haben würde. Stattdessen habe ich mich durch die wenigen Seiten gequält und bin mit der Geschichte nicht warm geworden. Der Kontrast zwischen den sehr gläubigen ungebildeten Inselbewohnern und Mr. Watts war zwar interessant, wie auch die Konflikte, die zwischen den Eltern und dem Lehrer entstehen, diese Kleinigkeiten haben mir aber nicht gereicht um das Buch zu mögen.

Die unnötige Brutalität, die den Leser ohne Vorwarnung trifft, hat mir dann noch den Rest gegeben. Natürlich gibt es Tote bei einem Bürgerkrieg und die heile Welt, die vorher in Matildas Dorf herrschte, konnte nicht ewig bleiben. Und doch war mir der Bruch zu hart, als die Rebellen plötzlich auftauchen und alles verändern.

Das Buch hat wirklich gute Ansätze und es gab auch interessante und unterhaltsame Szenen, insgesamt hat es mir aber einfach nicht gefallen und ich war froh, als ich es hinter mich gebracht hatte. :sheep2:

Hyok Kang – Ihr seid hier im Paradies! Meine Kindheit in Nordkorea

Verlag: Goldmann
Erschienen: 2005
Original: Ici, c’est le paradis!
Übersetzung: Hanna van Laak
Seiten: 191

Über kaum ein Land weiß man so wenig, wie über Nordkorea. Auch jetzt, wo man fast täglich in den Nachrichten von Atomtests und Provokationen liest, ist wenig über die Lage der Bevölkerung bekannt. Dank diesem Buch habe ich davon nun eine bessere Vorstellung.

Hyok Kang wurde 1986 in Onsong geboren und wird schon bald mit Hungersnot, Denunziationen und harten Strafen konfrontiert. Als er zwölf Jahre alt ist, gelingt seiner Familie die Flucht nach China. Später gelangen sie nach Südkorea und können nicht glauben, dass es dort ganz anders ist, als die nordkoreanische Propaganda sie glauben machen wollte. Trotz der ungewohnten Freiheit bleiben sie auch dort Außenseiter.

Zusammen mit dem Auslandskorrespondenten Philippe Grangerau hat Hyok Kang seine Erinnerungen an Nordkorea aufgeschrieben. Der Stil ist schlicht und sachlich, die beiden Autoren haben sich um Neutralität bemüht. Zeichnungen von Hyok Kang illustrieren die Geschichte. Ein kurzer Anhang liefert zusätzliche Informationen über Arbeitslager in Nordkorea.

Ich konnte es beim Lesen kaum glauben, dass es dieses Land tatsächlich gibt und nicht einer kranken Phantasie entsprungen ist. Diese absolute Abhängigkeit von der politischen Führung und die Abschottung der Bevölkerung von der Außenwelt ist sicher einzigartig. Unglaublich fand ich, dass die ganze Propaganda wirklich 100%ig zu funktionieren scheint. Hyok Kang und seine Familie waren bei ihrer Flucht überzeugt davon, dass es den Menschen in Südkorea noch viel schlechter geht als den Nordkoreanern und diese noch viel ärmer sind. Vieles was man in diesem Buch liest, ist sehr traurig und macht nachdenklich. Gerade deshalb finde ich es aber so lesenswert. :sheep4:

Ich hoffe sehr, dass die aktuelle politische Lage sich nicht noch mehr zuspitzt und Unschuldigen das Leben noch schwerer macht, als es ohnehin schon ist.

Tash Aw – Harmony Silk Factory

Verlag: Harpercollins
Erschienen: 2005
Seiten: 384
Auf Deutsch: Die Seidenmanufaktur “Zur schönen Harmonie”

Wir drehen uns im Kreis um die wahre Geschichte des Johnny Lim. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat es trotz allen Widrigkeiten geschafft, ein erfolgreicher Kaufmann zu werden und die schöne Snow zu heiraten. Erzählt wird seine Lebensgeschichte in drei Teilen. Zuerst kommt Johnnys Sohn zu Wort, der versucht, das Leben seines Vaters zu rekonstruieren. In einem zweiten Teil wird dem Leser Einblick in Snows Tagebuch gewährt, die vom Kennenlernen und einer gemeinsamen Reise erzählt. Mit auf dieser Reise war unter anderem auch Johnnys bester Freund, der Engländer Peter. Aus seiner Perspektive ist der letzte Teil geschrieben.

Durch die dreigeteilte Erzählung wiederholt sich einiges, man kann manche Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Das kann manchmal ganz interessant sein, meistens haben mich diese Wiederholungen aber eher gelangweilt. Alle drei Erzählungen kreisen um Johnny Lim, und obwohl er aus der Sicht naher Verwandter/enger Freunde beschrieben wird, bleibt er wenig greifbar. Nach 400 Seiten, die sich nur um diese eine Person drehen, ist mir noch immer nicht klar, was für ein Mensch er eigentlich war.

Am ermüdendsten fand ich den letzten Teil des Buches. Peter wechselt in seiner Erzählung zwischen seinem Leben im Altenheim und Rückblenden auf die Reise, die er mit Johnny, Snow und einem japanischen Professor verbracht hat. Diese seltsamen verspäteten Flitterwochen von Johnny und Snow finden auf einer geheimnisvollen Insel statt. Man kennt einen Großteil der Geschichte schon aus Snows Tagebuch und bekommt von Peter leider nur noch wenige fehlende Puzzleteile geliefert, so dass mir nicht ganz klar war, warum hier vieles nochmal erzählt wird.

Interessant waren die Einblicke in das Leben in Malaysia in den 40er Jahren und den Einfluss, den der zweite Weltkrieg auf das Land hatte. Der eigentlichen Geschichte konnte ich allerdings nicht sehr viel abgewinnen, auch wenn sie mit dem Bericht des Sohnes und den Tagebucheinträgen Snows ganz unterhaltsam begann.  :sheep3:

Turki al-Hamad – Adama

Verlag: Heyne
Erschienen: 2003
Seiten: 319
Originaltitel: Adama
Übersetzung: Cordula Kolarik

Hischam ist 18 und geht noch zur Schule, als er von einem Mitschüler angesprochen wird, ob er einer Untergrundorganisation beitreten will. Nach einigem Zögern stimmt er zu, muss aber bald feststellen, dass die geheimen Treffen anders ablaufen, als er sie sich vorgestellt hat. In einem zweiten Handlungsstrang, der einige Zeit später spielt, begleiten wir Hischam nach Riad, wo er in Zukunft die Universität besuchen will und bei seinem Onkel wohnt.

Durch den Klappentext und die Tatsache, dass das Buch in Saudi-Arabien verboten ist, hatte ich mir etwas mehr erwartet. Angebliche Konflikte zwischen Hischams “Freundin” und seiner Arbeit für die Untergrundorganisation wurden versprochen. Allerdings spielt diese Liebesbeziehung eine weit geringere Rolle als erwartet und auch sonst fehlte mir ein bisschen die Brisanz. Hischam ist ein sehr passiver Charakter, der in alles mehr hineinrutscht, als dass er sich bewusst entscheidet. Zwar scheint er intelligent, ist gut in der Schule, liest anspruchsvolle Bücher und diskutiert gerne über alle möglichen Themen mit seinen Freunden, doch sein Verhalten im Bezug auf die Untergrundorganisation fand ich eher dumm.

Der zweite Handlungsstrang, Hischams Zeit bei seinem Onkel in Riad, ist auch nicht sehr interessant. Das einzige, was ich daran lesenswert fand, waren die Unterschiede, die Hischam zwischen seiner eher fortschrittlichen Familie und der traditionellen Familie des Onkels bemerkt. Zuhause wird zum Beispiel gemeinsam gegessen, auch die Frauen dürfen mit am Tisch sitzen. In der Familie des Onkels allerdings dürfen nur die Männer am Tisch sitzen, die Frauen müssen diese bedienen. Da ich allerdings schon andere Bücher aus der arabischen Welt gelesen habe, konnte mir “Adama” auch in dieser Hinsicht nicht viel Neues bieten.

Insgesamt war das Buch leider eine Enttäuschung, da ich andere – und vor allem sehr hohe – Erwartungen hatte. Zum Glück ließ es sich wenigstens angenehm lesen und war teilweise auch ganz unterhaltsam. :sheep2:

Gregory David Roberts – Shantaram

Verlag: Little, Brown Book Group
Erschienen: 2003
Auf Deutsch: Shantaram
Deutscher Verlag: Goldmann
Seiten: 944

Nach seiner Flucht aus einem australischen Gefängnis landet Lin in Mumbai, wo er ein neues Leben anfängt. Er findet Freunde, die selbst aus diversen Gründen ihre Heimatländer verlassen mussten, lebt einige Zeit in einem Slum, wo er eine Klinik aufbaut, gerät aber immer mehr in die Machenschaften der örtlichen Maffia, was in bis nach Afghanistan in den Krieg führt.

Das Buch ist mit seinen fast 1000 Seiten nicht gerade schnell gelesen und so hat es mich auch lange begleitet. Besonders interessant war für mich persönlich, dass ich einen Teil des Buches gelesen habe, als ich gerade selbst in Indien war. Aus diesem Grund fand ich auch den Anfang sehr spannend, als der Protagonist Indien erst kennenlernt, die Eigenarten der Inder und deren Kultur aus der Sicht eines Außenstehenden beschreibt. Später lernt er Hindi und die lokale Sprache Marathi, wodurch er von den Einheimischen immer mehr als einer von ihnen akzeptiert wird. Man lernt Indien durch das Buch also nicht nur aus Sicht eines Ausländers kennen, sondern auch aus der Perspektive eines Beinahe-Einheimischen.

“Shantaram” ist schonungslos ehrlich. Wer sich Indien als bunte, nach Gewürzen duftende Glitzerwelt vorstellt, wird vermutlich enttäuscht werden. Lin lebt nicht gerade in gehobenen Verhältnissen, in seiner Zeit im Slum hat er nur eine einfache Hütte, kaum Möbel und andere Besitztümer, wie die meisten Inder auch. Viele Figuren kämpfen um das tägliche Überleben, können sich kaum das nötigste leisten. Bei vielen Szenen darf man nicht zimperlich sein, es wird gefoltert, gekämpft und geprügelt, wo auch immer sich eine Gelegenheit bietet. So detailliert hätte ich das manchmal lieber nicht gelesen.

Sprachlich fand ich das Buch sehr angenehm, auch wenn es sich nicht schnell weglesen lässt. Es gibt viele Diskussionen über Moral und philosophische Fragen, auf die man sich einlassen muss. Man bekommt also nicht nur eine oberflächliche Geschichte zu lesen, sondern auch den ein oder anderen Denkanstoß geliefert.

Insgesamt fehlte mir ein bisschen der rote Faden. Das Buch begleitet Lin über viele Jahre hinweg, manche Ereignisse werden erzählt, andere wiederum ausgelassen. Am Ende ist seine Geschichte aber keineswegs zu Ende, obwohl einige Fäden zusammenlaufen und man zu manchen Geschehnissen die Hintergründe erfährt. Es werden viele verschiedene Geschichten erzählt, viele Personen spielen eine Rolle, so dass man leicht mal den Überblick verlieren kann, gerade wenn man das Buch über einen längeren Zeitraum liest.

Ich bin kein Fan dicker Bücher und denke mir nach dem Lesen oft, dass man vieles hätte kürzen können. Hier gehörte jede kleine Nebenhandlung und jede “unwichtige” Szene einfach so sehr zum Gesamtbild, dass ich froh bin, dass Gregory David Roberts sich nicht kürzer gefasst hat. :sheep4:

Ismail Kadare – Der Nachfolger

Pünktlich zum 100. Jahrestag der Staatsgründung Albaniens habe ich eine literarische Reise dorthin gemacht und möchte euch heute ein Buch eines albanischen Autors vorstellen:

Verlag: Ammann
Originaltitel: Pasardhësi
Übersetzung: Joachim Röhm
Erschienen: 2006
Seiten: 173

In einer Dezembernacht hat der Nachfolger Selbstmord begangen. Doch schon bald kochen Gerüchte in Albaniens Hauptstadt hoch, dass es Mord gewesen sein könnte. Motive und Tatverdächtige gibt es viele. Natürlich könnte der Führer, der nicht mehr von der Linientreue seines Nachfolgers überzeugt war, seine Hand im Spiel gehabt haben. Oder aber die Tochter, deren Verlobung aus politischen Gründen aufgelöst werden musste. Vielleicht aber auch der Architekt, der das Haus des Nachfolgers vor kurzem umgestaltet hat und der von einer geheimen Tür zwischen dem Haus des Führers und dem des Nachfolgers weiß. Trotz aller Spannung darf man hier keinen Krimi erwarten, der am Ende den Mörder auf dem Silbertablett präsentiert.

Ismail Kadare stellt nach und nach die Personen aus dem Umfeld des Verstorbenen vor, beleuchtet Hintergründe, deutet Motive für einen Mord an. Je weiter man aber liest, desto unklarer wird, wer denn nun den Nachfolger getötet hat, oder ob er vielleicht doch Selbstmord begangen hat. Sehr amüsant fand ich die Episode über die ausländischen Journalisten, die vom Tod des Nachfolgers berichten müssen, aber bis auf ein paar Klischees und veraltete Informationen nichts über Albanien wissen.

Der Stil ist eher schlicht und schnörkellos. Auch gibt Kadare den Personen keine Namen, nett sie nur “Nachfolger”, “Führer” und “Tochter”, wodurch die sofortige Assoziation mit realen Geschehnissen vermieden wird. Normalerweise würden die fehlenden Namen es mir schwer machen, einen Bezug zu den Figuren herzustellen und mich das Buch eher distanziert lesen lassen. In diesem Fall war ich sofort mittendrin und absolut gefesselt von der Geschichte.

Ich bin begeistert und werde sicherlich noch mehr von Ismail Kadare lesen! :sheep5:

Pham Thi Hoai – Sonntagsmenü

Verlag: Unionsverlag
Erschienen: 1995
Originaltitel: Man Nuong
Übersetzung: Dietmar Erdmann
Seiten: 208

Es fällt mir sehr schwer, über dieses Buch etwas zu schreiben, deshalb schiebe ich das auch schon seit über einem Monat vor mir her. Bevor ich jetzt aber komplett alles vergesse, muss ich mich doch einmal aufraffen.

Gekauft habe ich das Buch für meine literarische Weltreise. Vietnam war noch ein weißer Fleck auf der Landkarte und so habe ich mich sehr gefreut, als mir “Sonntagsmenü” auf einem Flohmarkt in die Hände fiel. Beim Lesen war diese Freude dann spätestens nach der ersten Kurzgeschichte weg.

Kurzgeschichten sind immer schwierig zu bewerten, da die Qualität oft stark schwankt. War man von der einen Geschichte noch begeistert, kann die nächste schon unterirdisch schlecht sein. Bei “Sonntagsmenü” war ich am Anfang noch gewillt, mich auf die fremde Kultur einzulassen, kleinere Mängel zu übersehen und es einfach als Experiment aufzufassen. Je weiter ich kam, desto weniger konnte ich mit diesem Buch allerdings anfangen.

Die einzelnen Geschichten waren für mich schwer greifbar. Ich war mir nie sicher, ob man Dinge nun wörtlich nehmen soll, ob manches, das für mich seltsam klang, in Vietnam wirklich normal ist, oder ob die Autorin damit etwas ganz anderes sagen will. Ich habe mich gefühlt, als würde ich durch eine Milchglasscheibe auf das echte Vietnam blicken, könnte die Wahrheit hinter dem Fenster nur verschwommen erkennen. Das war sehr frustrierend.

Gegen Ende ging es dann wieder aufwärts (das Ende war nah, die Motivation das Buch zu beenden wurde größer), die längste Geschichte über einen Meister und seinen Schüler, die durch die Gegend reisen, war ganz lesenswert und hat den Gesamteindruck nochmal etwas nach oben korrigiert.

Insgesamt reicht es nur für :sheep2: , weil ich einfach keinen Zugang zu den meisten Kurzgeschichten in diesem Buch gefunden habe.

Kukrit Pramoj – Many Lives

Verlag: Silkworm Books
Veröffentlicht: 1954
Originaltitel: Lai Chiwit
Übersetzung: Meredith Borthwick
Seiten: 240

Many Lives , viele Leben, die alle zur gleichen Zeit bei einem Schiffsunglück enden, hat Kukrit Pramoj in diesem Buch beschrieben. Die Frage, ob es Karma war, dass die Personen genau zu diesem Zeitpunkt sterben mussten, zieht sich durch jeden einzelnen Lebensweg. Sei es der Mönch, der Schriftsteller oder die Prostituierte, jeden dürfen wir von Beginn an durch sein Leben begleiten, durch Kindheit und Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter. In den meisten Fällen kann man sehr gut verfolgen und nachvollziehen, durch welche äußeren Einflüsse die Person in die Situation gekommen ist und aus welchem Grund sie die verhängnisvolle Schiffsreise antritt. Glücklich sind die wenigsten dieser vielen Leben, die man als Leser hier präsentiert bekommt.

Da ich eigentlich nicht an Karma oder Schicksal glaube, habe ich die einzelnen Geschichten eher wie Märchen gelesen. Denn genau wie in einem Märchen wird der Böse am Ende bestraft und der Gute wird durch den Tod vor einem schlimmeren Schicksal erlöst. Für mich ein Konzept, das nicht in die Realität passt und auch nicht unbedingt meinen Erfahrungen entspricht. In einem Buch kann ich so etwas zwar akzeptieren, aber nicht als Wahrheit ernst nehmen.

Die einzelnen Geschichten sind durchaus nett und unterhaltsam zu lesen. Die Idee dahinter finde ich genial und so hatte ich auch mit dem Buch ein paar schöne  Stunden. Am Ende wurde es etwas eintönig, da sich manche Motive wiederholten und das Schema der einzelnen Geschichten dann schon klar war. Aber insgesamt habe ich das Buch gern gelesen. :sheep4:

Gelesen habe ich dieses Buch für die Station Thailand meiner literarischen Weltreise. Ob die Geschichten jetzt typisch für Thailand waren, kann ich eigentlich gar nicht sagen. Sie fühlten sich beim Lesen einfach fremd an, was aber auch durch das Konzept von Karma kommen könnte. Habt ihr schon thailändische Literatur gelesen? Könnt ihr etwas empfehlen?

Steinar Bragi – Frauen

Verlag: Kunstmann
Erschienen: August 2011
Originaltitel: Konur
Übersetzung: Kristoff Magnusson
Seiten: 254

Im Oktober war ich im Literaturhaus München bei einer Lesung von Gyrðir Elíasson und Steinar Bragi. Während “Am Sandfluss” von ersterem mein Interesse nicht wecken konnte, fand ich die Thematik von “Frauen” sofort spannend. Nun habe ich das Buch gelesen und bin froh, dass ich meine Bedenken bezüglich des schwierigen Themas überwunden habe.

Eva ist Künstlerin und hat lange Zeit in den USA gelebt. Nach dem plötzlichen Kindstod ihrer kleinen Tochter, der auch der Grund für die immer schwieriger werdende Beziehung zu ihrem Freund ist, kehrt sie in ihre Heimat Island zurück und bekommt ein verlockendes Angebot: Sie kann in einer großen Wohnung mitten im Zentrum mietfrei wohnen, soll nur die Blumen gießen und die Katze füttern, während die eigentliche Mieterin auf Reisen ist. Der erste Verdacht kommt auf, als sie in der Wohnung weder Blumen noch Katze vorfindet. Dann erfährt Eva auch noch, dass die Vormieterin in der Wohnung Selbstmord begangen hat. Bei ihren Ausflügen in die Stadt fühlt sie sich stets verfolgt und auch andere Dinge kommen ihr immer komischer vor.

Denkt man auch als Leser zu Beginn nichts Schlimmes, unterstellt Eva ein Alkoholproblem und Paranoia, merkt man doch recht schnell, dass an der Situation etwas nicht stimmt. Spätestens im zweiten Teil des Buches begreift man das volle Ausmaß der Geschichte, in die Eva da hineingeraten ist. Mein Entsetzen wurde jedenfalls mit jeder gelesenen Seite größer und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, obwohl ich mich andererseits auch abgestoßen fühlte und manche Details lieber nicht erfahren hätte. Mehr möchte ich darüber auch gar nicht sagen, da ich nicht zu viel über den Inhalt verraten will.

Eva ist eine wahnsinnig interessante Hauptfigur. Bis zum Ende bin ich nicht schlau aus ihr geworden und auch wenn sie in diesem Buch mit einer extremen Situation konfrontiert wird, war sie doch auch vorher schon ein extremer Mensch. Alkoholexzesse wechseln sich ab mit Reue und guten Vorsätzen. Auch zwischenmenschliche Beziehungen kann sie nicht konstant führen, sie schwankt zwischen absoluter Vertrauensseligkeit und starker Abneigung. Als Erzählerin macht sie sich schnell unglaubwürdig, Erinnerungslücken durch übermäßigen Konsum von Alkohol oder Drogen sind keine Seltenheit und manche ihrer Erlebnisse muten wie Wahnvorstellungen an. So verschwimmt auch für den Leser immer mehr die Grenze zwischen Realität und grausamem Albtraum. Trotz ihrer schlimmen Situation fügt Eva sich schnell und nimmt vieles als gegeben hin. Hin und wieder lehnt sie sich auf, ihre gescheiterten Versuche, der Situation zu entkommen, lassen sie allerdings sofort aufgeben. Ihre absolute Lethargie kann man aus folgendem Zitat herauslesen:

Langsam kehrte so etwas wie Routine ein. Anfangs schien es, als ob sich alles in ihrem Leben verändert hätte, doch nun fiel ihr auf, dass in Wahrheit gar nicht so viel anders geworden war, außer vielleicht die Art und Weise, wie sich das Leben ihr “präsentierte”. Die Ratlosigkeit, die Resignation und dieses Gefühl des Eingeengtseins begleiteten sie schon lange Zeit, nun hatte all das eine konkrete Gestalt angenommen – ihre inneren Mauern waren nun außen und sie konnte das Problem beim Namen nennen [S. 165]

Ich lese sehr selten Bücher dieser Art, da ich Szenen, in denen es um körperliche und psychische Gewalt geht schlecht vertrage. Das Wort “Thriller” allein schon schreckt mich ab. “Frauen” ist aber viel mehr als das, die Handlung kreist hauptsächlich um die Hauptfigur und ihre Selbstfindungsphase, ihre Probleme mit ihrem Leben fertigzuwerden und später auch ihre Art und Weise, mit ihrer veränderten Situation fertigzuwerden und gibt dabei tiefe Einblicke in die menschliche Psyche. Für mich war es sehr spannend zu lesen,  ich habe von Seite zu Seite zwischen absoluter Faszination und Abstoßung geschwankt und das Buch innerhalb kürzester Zeit durchgelesen. :sheep5:

Adaobi Tricia Nwaubani – I Do Not Come to You by Chance

Verlag: Orion Publishing Group
Erschienen: März 2010
Seiten: 345
Deutscher Titel: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy
Deutscher Verlag: dtv
Übersetzer: Karen Nölle
Erscheinungstermin der dt. Ausgabe: Mai 2011

Auf meiner literarischen Weltreise habe ich mich vor kurzem nach Nigeria begeben und einen sehr interessanten Roman über Scammer gelesen. Jeder hat wohl schon einmal eine E-Mail bekommen, in der man in schlechtem Englisch um Hilfe gebeten wird. Man wird gebeten, bei einem Millionentransfer zu helfen und als Belohnung winkt ein dicker Anteil an eben diesem Geld. Wenn man auf dieses Angebot eingeht, muss man allerdings erst größere Beträge für den Verwaltungsaufwand ausgeben. Und ich muss wohl niemandem erklären, dass man von den versprochenen Millionen nie etwas zu sehen bekommen wird.

Dieser Roman erzählt von dem Nigerianer Kingsley, der wie seine Eltern ein Studium an der Universität abgeschlossen hat und trotz allem keine Arbeit finden kann. Jede Bewerbung wird abgewiesen, seine Freundin trennt sich von ihm und schließlich wird auch noch der Vater schwer krank. In dieser Notsituation wendet Kingsley sich an seinen reichen Onkel Cash Daddy, der sein Geld durch Betrug verdient.

Adaobi Tricia Nwaubani zeichnet hier kein sehr positives Bild von Nigeria und mehr als einmal muss man sich fragen, ob das Leben dort wirklich so schlimm sein kann. Ein Gesundheitssystem ist praktisch nicht vorhanden, selbst mit einem Universitätsabschluss kann man nicht genug Geld für seine Familie finden, Frauen können sich nicht erlauben, aus Liebe zu heiraten, sondern müssen in erster Linie auf finanzielle Absicherung schauen. Und trotzdem ist das Buch nicht in erster Linie bedrückend oder traurig. Eigentlich fand ich es sogar sehr unterhaltsam und stellenweise witzig. Nur wenn man eben über das Buch hinaus denkt und sich die Situation genauer vor Augen führt, werden einem die Schrecken richtig bewusst.

Ich habe jedenfalls viel aus diesem Buch gelernt und sehe diese E-Mail-Betrüger jetzt auch in einem anderen Licht. Natürlich ist es nach wie vor ein Verbrechen, was sie da machen, andererseits ist es für die Betrüger oft der einzige Weg, sich aus dem Elend zu retten und etwas Geld für sich und die Familie zu verdienen. Sehr schön fand ich im Buch auch, dass die reich gewordenen Betrüger ihr Geld nicht ausschließlich für sich selbst behalten, sondern ihre Verwandten und Freunde in allen Notlagen unterstützen.

Sehr interessant und lehrreich war für mich auch die Leserunde zu dem Buch, an der ich teilgenommen habe. Die Diskussionen und das Hintergrundwissen einer Teilnehmerin haben viel dazu beigetragen, dass ich Spaß mit diesem Buch hatte. :sheep4: