Dimitré Dinev – Engelszungen

EngelszungenZwei junge bulgarische Männer haben in Österreich ihr Glück gesucht, aber nicht gefunden. Ihre letzte Rettung ist ein Wunder und der Serbe Miro, der auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben liegt. An seinem Grab treffen sich Svetljo und Iskren zum ersten Mal, obwohl sich ihre Schicksale schon zuvor mehrmals gekreuzt haben.

Dimitré Dinev hat in seinem Roman “Engelszungen” den Bogen gespannt über drei Generationen zweier Familien und fast ein ganzes Jahrhundert bulgarischer Geschichte. Angefangen bei den Großeltern von Svetljo und Iskren erzählt er die Geschichte ihrer Familien, die einerseits kaum unterschiedlicher sein könnten, in vielen Dingen aber sehr ähnlich verlaufen. Den besonderen Reiz machen die kleinen Parallelen und Überschneidungen aus, die es zwischen den beiden Erzählsträngen gibt. So erlebt man manche Szene aus zwei Perspektiven und trifft manche Figuren in beiden Geschichten. Um dies zu bemerken ist aber manchmal hohe Konzentration beim Leser gefragt, die Kapitel sind sehr lang und bevor man wieder zurück bei Svetljo landet, hat man sich oft so in Iskrens Geschichte vertieft, dass man Nebenschauplätze oder unwichtige Personen aus Svetljos Umfeld schon wieder vergessen hat.

Damit komme ich auch schon zu meinem Hauptkritikpunkt: Die Geschichte ist sehr komplex, es gibt viele Personen, viele Schauplätze und lange Kapitel, die man beim Lesen schlecht unterbrechen kann. Die Familienstammbäume hinten im Buch helfen ein bisschen, aber Figuren außerhalb der Familien muss man sich trotzdem selbst merken. Außerdem hatte das Buch für mich einige Längen, erst als die Erzählung bei den beiden Hauptcharakteren ankam, hat es mich wirklich gefesselt. Schade fand ich, dass das Leben als Einwanderer in Österreich relativ kurz abgehandelt wurde, da ich davon ausgegangen bin, dass das der Schwerpunkt des Buches wäre.

Stilistisch fand ich “Engelszungen” sehr angenehm zu lesen, die Sprache ist wunderbar poetisch.  Bemerkenswert dabei ist, dass das Buch vom gebürtigen Bulgaren Dinev in deutscher Sprache verfasst wurde. Einige österreichische Begriffe haben sich eingeschlichen, was sehr gut zur Geschichte passt und ihr einen besonderen Charme verleiht.

Insgesamt ist “Engelszungen” ein Familienroman, wie man ihn sicher in ähnlicher Form schon gelesen hat, durch den Schauplatz Bulgarien und die Verknüpfung zweier Schicksale wird das Buch zu etwas Besonderem. :sheep4:

Dimitré Dinev – Engelszungen – btb Verlag – 608 Seiten – Erschienen 08/2003
ISBN: 978-3442733163

Ian McEwan – On Chesil Beach

Verlag: Vintage
Erschienen: 2008
Auf Deutsch: Am Strand
Seiten: 166
ISBN: 978-0099512790

Ein junges, unerfahrenes Paar, eine bevorstehende Hochzeitsnacht, diverse unaussprechliche Ängste und Erwartungen – für unsere sexuell emanzipierte Generation ist diese Situation kaum vorstellbar. Für Edward und Florence im Jahr 1962 ist das allerdings die Realität. Sie haben gerade geheiratet und sind kurz davor, in einem Hotel ihre erste gemeinsame Nacht zu verbringen. Während Edward sich nur mit Versagensängsten quält, ist für Florence der Gedanke an körperliche Liebe allgemein abstoßend. Und da ein Gespräch über die Situation unmöglich scheint, steuern die beiden Schritt für Schritt auf die unvermeidbare Katastrophe zu.

Sehr einfühlsam zeichnet Ian McEwan das junge Paar, beschreibt abwechselnd ihr Innenleben. Er führt den Leser auch in die Vergangenheit des Paares, erzählt von der jeweilige Kindheit und dem Kennenlernen. Gerade einmal 166 Seiten braucht er dafür, weshalb “On Chesil Beach” auch eine unheimlich dichte Erzählung ist, vollgepackt mit Gefühlen und Gedanken, die mich als Leser mitgerissen haben, obwohl die ganze Situation aus meiner heutigen Sicht schwer vorstellbar ist. Ian McEwan versetzt sich gleichermaßen in die Lage von Florence und von Edward und vermittelt die unterschiedlichen Sorgen der beiden sehr nachvollziehbar.

Mir hat “On Chesil Beach” sehr gut gefallen, die eher knappen Erzählungen aus der Vergangenheit, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss, ergänzen sich gut mit der Ausführlichkeit des Hochzeitstages. Nach “Abbitte” war dies mein zweites Buch von Ian McEwan, aber sicher nicht mein letztes. :sheep4:

Kerstin Gier – Silber. Das zweite Buch der Träume

Verlag: Fischer FJB
Erschienen: 23.06.2014
Seiten: 416
ISBN: 978-3841421678

Ein bisschen albern fühle ich mich ja schon, dass ich mich so über eine Neuerscheinung im Jugendbuch-Bereich freue, am Sonntag den ersten Teil nochmal gelesen und innerhalb von zwei Tagen Teil zwei verschlungen habe. Das spricht aber eigentlich nur für das Buch.

Aber jetzt mal von vorne: Seit dem Ende von Silber. Das erste Buch der Träume sind ein paar Wochen vergangen, Weihnachten steht vor der Tür, Liv und Henry sind ein glückliches Paar und von einem Dämon ist keine Rede mehr. Und trotzdem können Liv und ihre Freunde es nicht lassen, sich in ihren Träumen zu treffen und durch die geheimnisvollen Türen in den Traum-Korridor zu gehen. Erst als sie dort einen Fremden treffen und Livs Schwester Mia anfängt schlafzuwandeln, kommt wieder so etwas wie Alarmbereitschaft auf. Außerdem scheint Henry Liv so einiges zu verheimlichen…

Obwohl es sich um den Mittelband einer Trilogie handelt und nicht sehr viel passiert, ist das Buch trotzdem spannend. Kerstin Gier füttert ihre Leser mit vielen Informationen über die Träume und die damit verbundenen Regeln und Einschränkungen. Außerdem lernt man die Charaktere näher kennen und erlebt viele lustige Momente mit Livs chaotischer Patchwork-Familie. Kindermädchen Lottie mit ihren Aufmunterungs-Ganzjahres-Vanillekipferln (das Rezept gibt es als kleines Extra am Ende des Buches) ist mir noch mehr ans Herz gewachsen als zuvor schon.

Zum Glück bleibt uns Lesern ein größerer Cliffhanger erspart, natürlich gibt es am Ende des Buches noch offene Fragen, der größte Handlungsstrang ist aber in sich abgeschlossen. Viel zu schnell war ich wieder am Ende angelagt und jetzt beginnt die Warterei. Ich hoffe, Das dritte Buch der Träume erscheint 2015, einen offiziellen Termin gibt es aber noch nicht.

Insgesamt ist auch Silber. Das zweite Buch der Träume ein spannender Jugendroman mit übersinnlichen Elementen, einer Liebesgeschichte und einer charmanten Familie rund um eine sympathische Hauptfigur. :sheep4:

Elizabeth Strout – Das Leben natürlich

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen: September 2013
Originaltitel: The Burgess Boys
Übersetzung: Sabine Roth, Walter Ahlers
Seiten: 400
ISBN: 978-3630873442

Bob und Jim Burgess sind in einer Kleinstadt in Maine aufgewachsen, aber so bald sie konnten nach New York gezogen. Das Kleinstadtleben wollten sie für immer hinter sich lassen. Ihre Schwester Susan ist geblieben und als ihr Sohn Zach in Schwierigkeiten gerät, machen sich die Burgess Boys auf den Weg in die alte Heimat. Dort angekommen müssen sie feststellen, dass sich Vieles verändert hat, zahlreiche Einwanderer aus Somalia mischen sich unter die ursprüngliche Bevölkerung. Durch deren Kultur und Religion entstehen diverse Konflikte.

Elizabeth Strout hat sich mit diesem Roman viel vorgenommen. Nicht nur schildert sie verschiedenste Familiendramen  (ein Kindheitstrauma, Probleme eines Scheidungskindes, Eheprobleme, Rivalität unter Geschwistern…), sie wagt sich auch an das schwierige Thema von Einwanderung und Integration. Auf mich wirkte “Das Leben natürlich” trotzdem an keiner Stelle überladen, die verschiedenen Themen fügen sich gut in die Handlung ein.

Auch die vielen Personen und verschiedenen Sichtweisen haben mir gut gefallen. Elizabeth Strout schreibt nicht nur aus der Perspektive der drei Burgess-Geschwister und ihrer (Ex-)Partner, sondern zum Beispiel auch aus Sicht eines Somali-Einwanderers. Zachs Schwierigkeiten, die den Ausgangspunkt der Handlung lieferten, geraten dadurch zwar hin und wieder in den Hintergrund, aber auch die anderen Geschichten, die in “Das Leben natürlich” erzählt werden, sind durchaus lesenswert.

Auch wenn Vieles schief läuft im Leben von Elizabeth Strouts Protagonisten, hatte ich beim Lesen durchgehend ein sehr positives Gefühl. Die Kleinstadt, in der sich zwar Vieles verändert hat, Anderes aber auch immer so bleiben wird, wie es einmal war, strahlt eine Geborgenheit aus, die einen die Schicksalsschläge der Figuren immer wieder vergessen lässt. Das hektische New York, in das die Handlung immer wieder springt, wirkt als Kontrast und verstärkt den Charme der Kleinstadt in meinen Augen nur noch.

Ein “Wohlfühlbuch” ist “Das Leben natürlich” zwar nicht gerade, ich hatte aber viel Freude mit der Lektüre und bin gespannt auf andere Werke von Elizabeth Strout. :sheep4:

Maureen Johnson, John Green & Lauren Myracle – Let It Snow

Verlag: Speak
Erschienen: Oktober 2008
Auf Deutsch: Tage wie diese
Seiten: 368
ISBN: 978-0142412145

Schon fünf Türchen vom Adventskalender geöffnet, da wird es langsam Zeit für ein bisschen Weihnachtsstimmung. Und so habe ich mir “Let It Snow” vorgenommen. Jeder der drei Autoren hat dabei eine Liebesgeschichte beigesteuert, die an den Weihnachtstagen in einer verschneiten amerikanischen Kleinstadt spielt. Den besonderen Reiz des Buches machen die kleinen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten aus. Erst nach und nach bemerkt man nämlich, dass die Protagonisten als Nebenfiguren in den anderen Geschichten auftauchen.

Jubilee ist auf dem Weg zu ihren Großeltern, als ihr Zug wegen eines Schneesturms nicht weiterfahren kann. Zusammen mit 14 Cheerleadern schlägt sie sich zu einem Waffelhaus durch, wo sie einen Jungen trifft, der sie über die Feiertage mit zu sich nach Hause nimmt. Der Protagonist der zweiten Geschichte, Tobin, will mit seinen beiden Kumpels in eben dieses Waffelhaus fahren, um die Cheerleader kennenzulernen. Die Fahrt dorthin gestaltet sich aber aufgrund des vielen Schnees schwierig und dann muss Tobin auch noch erkennen, dass der Duke nicht nur ein guter Kumpel, sondern auch ein Mädchen ist. Und Addie wünscht sich zu Weihnachten nichts sehnlicher, als dass ihr Ex-Freund Jeb ihr verzeihen würde und sie wieder zusammenkommen, nachdem sie auf einer Party einen Anderen geküsst hat.

Tiefgründige Handlungsstränge und Charakterzeichnungen darf man schon allein aufgrund des Umfangs nicht erwarten. Die Personen lernt man nicht sehr genau kennen, die Handlung schreitet schnell voran und Nebenfiguren gibt es meist nur wenige. Trotzdem sind die drei Geschichten unterhaltsam zu lesen und es kommt auch ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. Wer mit Herzschmerz-Teenies nichts anfangen kann, ist hier allerdings an der falschen Adresse.

John Green war mir schon vorher ein Begriff, die beiden Autorinnen kannte ich nicht. Allerdings muss ich sagen, dass es stilistisch kaum Unterschiede gibt und man auch denken könnte, alle drei Geschichten wären von einem Autor geschrieben worden. Die erste Geschichte rund um Jubillee und Stuart hat mir am besten gefallen, danach ging es Schritt für Schritt bergab. Addie, die Protagonistin der dritten Geschichte, habe ich als sehr nervig und egoistisch empfunden, die Handlung rund um ihre Freundin und ein Baby-Schwein fand ich außerdem sehr konstruiert.

Insgesamt ist “Let it Snow” ein nettes Jugendbuch, das man in der Vorweihnachtszeit gut lesen kann, wenn man nicht zu große Erwartungen an die Tiefgründigkeit hat. Von mir gibt es dafür :sheep4:.