Anthony Doerr – Memory Wall

Anthony Doerr - Memory Wall“Alles Licht, das wir nicht sehen” steht zwar seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste, gelesen habe ich von Anthony Doerr bisher allerdings noch nichts. Diese kurze Erzählung kam mir also gerade recht, den Autor und seine Erzählweise kennenzulernen. Ich hatte mich im Vorfeld nicht über den Inhalt informiert, so bin ich ganz unvoreingenommen an das Buch herangegangen. Aufgrund der Kürze des Textes gibt es keine lange Einführung und man ist sofort mitten in der Geschichte, lernt Alma kennen, die vor einiger Zeit ihren Mann verloren hat und an Gedächtnisverlust leidet. Eine neuartige Behandlungsmethode macht es allerdings möglich, manche Erinnerungen auf Kassetten aufzuzeichnen und diese damit immer wieder zu erleben. Diese Methode bietet allerdings nicht nur Vorteile, sondern eröffnet auch ungeahnte Möglichkeiten: Alma erhält mehr als einmal Besuch von Einbrechern, die hinter ihren Erinnerungen her sind, da ihr Mann vor seinem Tod noch eine wichtige Entdeckung gemacht hat.

Anthony Doerr schafft es, auf wenigen Seiten eine fesselnde Geschichte zu erzählen und den Leser gleich in seinen Bann zu ziehen. Er baut sehr geschickt Spannung auf, indem er Fragen beim Leser aufwirft, die er erst nach und nach beantwortet. Die Idee mit dem Aufzeichnen der Erinnerungen fügt sich dabei glaubhaft in die Geschichte ein und wird nur so weit erklärt, wie sie auch für die Handlung notwendig ist.

Ohne zu viel verraten zu wollen fügt sich am Ende für mich alles ein bisschen zu leicht, auch wenn es nicht für alle ein Happy End gibt. Vermutlich ist das der Kürze des Textes geschuldet, da keine Zeit für Verstrickungen oder “Abweichungen vom geradlinigen Pfad” ist. Auch wenn ich grundsätzlich kein Fan von überfrachteten langen Romanen bin, war mir “Memory Wall” fast ein bisschen zu kurz. Man hat als Leser sehr wenig Zeit, die Figuren, ihre Geschichten, ihre Beweggründe wirklich kennenzulernen, die Geschichte kann an keiner Stelle wirklich in die Tiefe gehen. An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass es sich im Original um eine Sammlung von mehreren Geschichten handelt, die deutsche Ausgabe aber nur diese eine Geschichte enthält. Das finde ich sehr schade, denn als Teil einer Sammlung hätte “Memory Wall” vielleicht nochmal anders gewirkt.

Am Ende hat “Memory Wall” mich etwas zwiegespalten zurückgelassen. Die Geschichte war gut erzählt und Anthony Doerr hat mich sprachlich überzeugt, aber vermutlich wird mir diese Novelle nicht lange im Gedächtnis bleiben, weil sie mich einfach nicht besonders berührt oder beschäftigt hat. :sheep3:

Anthony Doerr – Memory Wall – C. H. Beck – 135 Seiten – Erschienen 02/2016
ISBN: 978-3406689611

Preisträger sind auch nur Menschen

Findet ihr es nicht auch komisch, wie auf einmal jeder gewisse Autoren kennt, von denen vorher niemand gehört hatte? Da gibt es plötzlich ganze Wände voll Bücher von Patrick Modiano in jedem Buchladen und jeder liest etwas von ihm. Und das nur, weil er den Literaturnobelpreis bekommen hat! Im Fall von Modiano finde ich das übrigens toll, ich bin froh, dass ich den Autor durch das grandiose “Im Café der verlorenen Jugend” kennengelernt habe und freue mich auf das nächste Buch von ihm, das schon bereitsteht.

Durch die großen Literaturpreise werde ich oft auf Autoren aufmerksam, von denen ich sonst nie etwas gelesen hätte. Tomas Tranströmer und Alice Munro zum Beispiel habe ich nur gelesen, weil sie den Literaturnobelpreis bekommen haben. Le Clézio und Mo Yan stehen aus diesem Grund im Regal. Über den Pulitzerpreis habe ich mir allerdings nie Gedanken gemacht, bis in meiner Reading Challenge die Kategorie “A Pulitzer price winning book” auftauchte. Die Liste der Preisträger las sich nicht so interessant, bis mein Blick auf Elizabeth Strout fiel, von der ich schon “Das Leben natürlich” gelesen habe. Ihr Roman in Kurzgeschichten “Olive Kitteridge” (deutsch “Mit Blick aufs Meer”) hat mich dann diese Woche begleitet.

KitteridgeWir befinden uns in einer kleinen Küstenstadt in New England, Olive Kitteridge und ihr Mann Henry haben ihre besten Jahre hinter sich. Kurze Geschichten aus der Perspektive verschiedener Dorfbewohner beleuchten das Leben der Kitteridges und zeichnen ein sehr lebendiges Bild von Olive und ihrer Familie, aber am Rande auch vom ganzen Dorf. Ich hatte zwar kleine Startschwierigkeiten, weil ich andere Vorstellungen hatte und man Olive nicht gerade als Sympathieträgerin bezeichnen kann, dann hat mich das Buch aber doch noch gut unterhalten und die Einzelschicksale haben mich berührt.

Sonst ist nicht viel passiert diese Woche,  Internet habe ich immer noch nicht,  zur Abwechslung tippe ich den Beitrag auf dem Tablet und nutze das WLAN im Fernbus. Den vieldiskutierten Valentinstag haben wir nicht wirklich gefeiert, sondern den Abend bei einem Gruseldinner mit leckerem Essen und guter Unterhaltung verbracht.

Aber zurück zu den Literaturpreisträgern: Ich bin froh, dass durch verschiedene Literaturpreise das Medieninteresse an gewissen Autoren wächst, die man sonst vielleicht nie für sich entdeckt hätte. Andererseits habe ich das Gefühl, dass die Preisverleihungen immer politischer werden, man darauf achtet, genug Frauen zu würdigen und bestimmte Regionen zu berücksichtigen.

Wie geht es euch, interessiert ihr euch für Literaturpreise oder Autoren und Bücher, die einen solchen Preis bekommen haben? Habt ihr dadurch schon tolle Bücher für euch entdeckt?

Bis nächste Woche (in der mich ganz andere Preisträger interessieren werden, nämlich die Oscarpreisträger)

Euer Literaturschaf :sheep:

Paul Auster – Winterjournal

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsjhar: 2012
Übersetzung: Werner Schmitz
Seiten: 256
ISBN: 978-3498000875

Autobiografien sind in den letzten Jahren in Mode gekommen, jeder B-Promi fühlt sich bemüßigt, das eigene Leben oft schon in jungen Jahren für die Nachwelt detailliert festzuhalten. Paul Auster hingegen hat sich damit bis zu seinem 65. Lebensjahr Zeit gelassen. Auch hat er mit “Winterjournal” keine klassische Autobiografie geschrieben, in der Stationen des Lebens chronologisch abgehandelt werden. Vielmehr nimmt er den Leser mit auf eine Reise in sein Inneres. Veränderungen des Körpers beim Älterwerden spiele ebenso eine Rolle wie seine Liebesbeziehungen.

Es ist kein Wunder, dass man Paul Auster in diesem Buch sehr nah kommt, näher als man es manchmal möchte. Ich zumindest wollte nicht unbedingt über die ersten sexuellen Erfahrungen oder die Panikattacken eines meiner Lieblingsautoren lesen. Und doch macht genau das das Buch so authentisch, denn Paul Auster nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt seine Leser wirklich an allem teilhaben. Obwohl ich bei manchen Themen skeptisch war, hat mir dieses Buch gezeigt, dass auch Paul Auster nur ein Mensch ist, der über den Tod der Eltern trauert oder mal einen Autounfall verschuldet.

An manchen Stellen habe ich den roten Faden vermisst, konnte nicht ganz nachvollziehen, wie Paul Auster von einem Thema zum nächsten springt. Da die Autobiografie aber nicht chronologisch erzählt ist, habe ich das einfach so hingenommen, da ich alle Themen gleichermaßen interessant fand. “Winterjournal” ist wunderschön geschrieben, wie ich es von Paul Auster schon kenne, so schön, dass mir gar nicht aufgefallen ist, dass manche Sätze über mehrere Seiten gehen.

Wer Paul Auster mag, wird “Winterjournal” sicher lieben. Und wer noch nichts von ihm gelesen hat und sich auch für die Person interessiert, kann hier mit gutem Gewissen anfangen. Ich war begeistert und freue mich auf den zweiten Teil “Report from the Interior”, der noch nicht auf Deutsch erschienen ist. :sheep5:

Victor Lodato – Mathilda Savitch

Verlag: C.H.Beck
Erschienen: 2009
Übersetzung: Grete Osterwald
Seiten: 301
ISBN: 978-3406590740

Dieses Buch hat mir mal wieder gezeigt, dass ein schönes Cover nicht alles ist. So begeistert ich von der schönen Gestaltung bin, so enttäuscht war ich von der eigentlichen Geschichte.

Mathilda Savitch ist 13 und hat vor einem Jahr ihre Schwester verloren. Ein Fremder, den man bis heute nicht gefasst hat, hat sie vor einen Zug gestoßen. Der ganzen Familie fällt es schwer, diesen Verlust zu verarbeiten, Mathilda hat dabei aber eine andere Herangehensweise als ihre Eltern. Sie möchte Dinge gerne ansprechen, während die Eltern die verstorbene Schwester kaum noch erwähnen, ihre persönliche Gegenstände verstecken.

Mathilda erzählt ihre Geschichte selbst, man merkt ihr in jedem Satz ihre Zerrissenheit an. Zum einen steckt sie mitten in der Pubertät, macht sich viele Gedanken über ihre Wirkung auf Jungen und das Erwachsenwerden, zum anderen kämpft sie mit der schwierigen Familiensituation. Bei mir kam leider zu keinem Zeitpunkt Verständnis oder Mitgefühl auf. Mathilda ist die unsympathischste Protagonistin, die mir seit langem untergekommen ist. Ihre Gedanken sind für mich nicht nachvollziehbar, ihre Handlungsweise nervig. Auch das Verhalten der Eltern ihrer Tochter gegenüber konnte ich nicht verstehen.

Einige Begleitumstände des Todes ihrer Schwester, die Mathilda im Laufe des Buches herausfindet, waren für mich vorhersehbar und schon zu Beginn offensichtlich. Es gab also auch keine Spannung oder überraschenden Wendungen für mich. Irgendwo in diesem für mich nervigen Buch steckt sicherlich eine interessante und tieftraurige Geschichte. Durch die Perspektive und Mathildas nervige Erzählweise hat mich diese allerdings nicht berührt, sondern relativ kalt gelassen.

Für mich ist “Mathilda Savitch” eine recht durchschnittliche Coming-of-Age-Geschichte mit einer anstrengenden und nervigen Erzählerin, die die eigentliche Handlung in den Hintergrund drängt. :sheep2:

Ian McEwan – On Chesil Beach

Verlag: Vintage
Erschienen: 2008
Auf Deutsch: Am Strand
Seiten: 166
ISBN: 978-0099512790

Ein junges, unerfahrenes Paar, eine bevorstehende Hochzeitsnacht, diverse unaussprechliche Ängste und Erwartungen – für unsere sexuell emanzipierte Generation ist diese Situation kaum vorstellbar. Für Edward und Florence im Jahr 1962 ist das allerdings die Realität. Sie haben gerade geheiratet und sind kurz davor, in einem Hotel ihre erste gemeinsame Nacht zu verbringen. Während Edward sich nur mit Versagensängsten quält, ist für Florence der Gedanke an körperliche Liebe allgemein abstoßend. Und da ein Gespräch über die Situation unmöglich scheint, steuern die beiden Schritt für Schritt auf die unvermeidbare Katastrophe zu.

Sehr einfühlsam zeichnet Ian McEwan das junge Paar, beschreibt abwechselnd ihr Innenleben. Er führt den Leser auch in die Vergangenheit des Paares, erzählt von der jeweilige Kindheit und dem Kennenlernen. Gerade einmal 166 Seiten braucht er dafür, weshalb “On Chesil Beach” auch eine unheimlich dichte Erzählung ist, vollgepackt mit Gefühlen und Gedanken, die mich als Leser mitgerissen haben, obwohl die ganze Situation aus meiner heutigen Sicht schwer vorstellbar ist. Ian McEwan versetzt sich gleichermaßen in die Lage von Florence und von Edward und vermittelt die unterschiedlichen Sorgen der beiden sehr nachvollziehbar.

Mir hat “On Chesil Beach” sehr gut gefallen, die eher knappen Erzählungen aus der Vergangenheit, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss, ergänzen sich gut mit der Ausführlichkeit des Hochzeitstages. Nach “Abbitte” war dies mein zweites Buch von Ian McEwan, aber sicher nicht mein letztes. :sheep4: