Siri Hustvedt – The Sorrows of an American

Verlag: Sceptre
Erschienen: 2008
Deutscher Titel: Die Leiden eines Amerikaners
Deutscher Verlag: Rowohlt
Seiten: 306

Ich bin ein großer Fan von Siri Hustvedts Romanen, “Was ich liebte” zählt zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Und doch fällt es mir immer wieder schwer, etwas über ihre Werke zu schreiben und meine Meinung in Worte zu fassen. Wer “Was ich liebte” mag, kann “Die Leiden eines Amerikaners” jedenfalls auch guten Gewissens lesen. Denn das Buch ist irgendwie genau so und auch irgendwie ganz anders.

Auch hier befinden wir uns in der New Yorker Künstlerszene. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Psychologe Erik, dessen Vater kürzlich verstorben ist. Beim Aussortieren seiner persönlichen Dokumente findet Erik eine geheimnisvolle Notiz, die mit der Jugend des Vaters in Verbindung zu stehen scheint. Erik liest die Tagebücher seines Vaters und forscht nach der ihm unbekannten Frau, mit der sein Vater ein Geheimnis hatte, das er bis zu seinem Tod bewahrte. Erst im Nachwort erfährt der Leser dann, dass Siri Hustvedt die Tagebucheinträge des verstorbenen Vaters, in denen er von seiner Jugend und von Kriegszeiten erzählt, fast unverändert aus den Tagebüchern ihres eigenen Vaters übernommen hat.

Zusätzlich zu dieser Reise in die Vergangenheit begleiten wir Erik auch in seiner Gegenwart, in der er sich liebevoll um seine Schwester, die nicht nur den Vater, sondern auch ihren Ehemann vor kurzem verloren hat, und seine Nichte kümmert, sich in seine Untermieterin verliebt und einige schwierige Patienten betreut. Witzig fand ich, dass Siri Hustvedt eine der Hauptpersonen aus “Was ich liebte”, Leo Hertzberg, in diesem Buch kurz bei einer Dinnerparty auftreten lässt.

Nach der Lektüre dieser knapp über 300 Seiten fühlte ich mich, als hätte ich ein 1000-seitiges Mammutwerk gelesen. Und ich habe auch ungewöhnlich lang an diesem doch recht dünnen Buch gelesen. Das liegt vermutlich daran, dass Siri Hustvedt unglaublich dicht schreibt und auch viele Themen und Personen in ihre Bücher packt. Das mag für den unkonzentrierten Leser ein großer Nachteil sein, doch ich finde es immer wieder faszinierend, wie komplex ihre Geschichten aufgebaut sind. Man bekommt nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben einer Person beschrieben, sondern lernt die gesamte Welt der Hauptpersonen kennen.

Den auftretenden Personen entsprechend wird viel über Literatur, Philosophie und Psychologie gesprochen und nachgedacht. Diese Gedanken sind durchaus melancholisch bis traurig, da in diesem Roman niemand wirklich glücklich ist. Unerfüllte Liebe, Trauer und Einsamkeit sind an der Tagesordnung, trotzdem ist es kein deprimierendes Buch, das die Stimmung des Lesers ins negative zieht. Eriks innere Monologe sind auch hin und wieder ganz unterhaltsam und erheiternd zu lesen.

Das Ende ist anders, als ich erwartet hatte, ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass Siri Hustvedt hier mit den Erwartungen des Lesers spielt und absichtlich enttäuscht. Ich bin auf jeden Fall begeistert von diesem Buch und freue mich, dass ich noch einige Werke Siri Hustvedts vor mir habe! :sheep5:

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