Ian McEwan – On Chesil Beach

Verlag: Vintage
Erschienen: 2008
Auf Deutsch: Am Strand
Seiten: 166
ISBN: 978-0099512790

Ein junges, unerfahrenes Paar, eine bevorstehende Hochzeitsnacht, diverse unaussprechliche Ängste und Erwartungen – für unsere sexuell emanzipierte Generation ist diese Situation kaum vorstellbar. Für Edward und Florence im Jahr 1962 ist das allerdings die Realität. Sie haben gerade geheiratet und sind kurz davor, in einem Hotel ihre erste gemeinsame Nacht zu verbringen. Während Edward sich nur mit Versagensängsten quält, ist für Florence der Gedanke an körperliche Liebe allgemein abstoßend. Und da ein Gespräch über die Situation unmöglich scheint, steuern die beiden Schritt für Schritt auf die unvermeidbare Katastrophe zu.

Sehr einfühlsam zeichnet Ian McEwan das junge Paar, beschreibt abwechselnd ihr Innenleben. Er führt den Leser auch in die Vergangenheit des Paares, erzählt von der jeweilige Kindheit und dem Kennenlernen. Gerade einmal 166 Seiten braucht er dafür, weshalb “On Chesil Beach” auch eine unheimlich dichte Erzählung ist, vollgepackt mit Gefühlen und Gedanken, die mich als Leser mitgerissen haben, obwohl die ganze Situation aus meiner heutigen Sicht schwer vorstellbar ist. Ian McEwan versetzt sich gleichermaßen in die Lage von Florence und von Edward und vermittelt die unterschiedlichen Sorgen der beiden sehr nachvollziehbar.

Mir hat “On Chesil Beach” sehr gut gefallen, die eher knappen Erzählungen aus der Vergangenheit, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss, ergänzen sich gut mit der Ausführlichkeit des Hochzeitstages. Nach “Abbitte” war dies mein zweites Buch von Ian McEwan, aber sicher nicht mein letztes. :sheep4:

Kerstin Gier – Silber. Das zweite Buch der Träume

Verlag: Fischer FJB
Erschienen: 23.06.2014
Seiten: 416
ISBN: 978-3841421678

Ein bisschen albern fühle ich mich ja schon, dass ich mich so über eine Neuerscheinung im Jugendbuch-Bereich freue, am Sonntag den ersten Teil nochmal gelesen und innerhalb von zwei Tagen Teil zwei verschlungen habe. Das spricht aber eigentlich nur für das Buch.

Aber jetzt mal von vorne: Seit dem Ende von Silber. Das erste Buch der Träume sind ein paar Wochen vergangen, Weihnachten steht vor der Tür, Liv und Henry sind ein glückliches Paar und von einem Dämon ist keine Rede mehr. Und trotzdem können Liv und ihre Freunde es nicht lassen, sich in ihren Träumen zu treffen und durch die geheimnisvollen Türen in den Traum-Korridor zu gehen. Erst als sie dort einen Fremden treffen und Livs Schwester Mia anfängt schlafzuwandeln, kommt wieder so etwas wie Alarmbereitschaft auf. Außerdem scheint Henry Liv so einiges zu verheimlichen…

Obwohl es sich um den Mittelband einer Trilogie handelt und nicht sehr viel passiert, ist das Buch trotzdem spannend. Kerstin Gier füttert ihre Leser mit vielen Informationen über die Träume und die damit verbundenen Regeln und Einschränkungen. Außerdem lernt man die Charaktere näher kennen und erlebt viele lustige Momente mit Livs chaotischer Patchwork-Familie. Kindermädchen Lottie mit ihren Aufmunterungs-Ganzjahres-Vanillekipferln (das Rezept gibt es als kleines Extra am Ende des Buches) ist mir noch mehr ans Herz gewachsen als zuvor schon.

Zum Glück bleibt uns Lesern ein größerer Cliffhanger erspart, natürlich gibt es am Ende des Buches noch offene Fragen, der größte Handlungsstrang ist aber in sich abgeschlossen. Viel zu schnell war ich wieder am Ende angelagt und jetzt beginnt die Warterei. Ich hoffe, Das dritte Buch der Träume erscheint 2015, einen offiziellen Termin gibt es aber noch nicht.

Insgesamt ist auch Silber. Das zweite Buch der Träume ein spannender Jugendroman mit übersinnlichen Elementen, einer Liebesgeschichte und einer charmanten Familie rund um eine sympathische Hauptfigur. :sheep4:

Elizabeth Strout – Das Leben natürlich

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen: September 2013
Originaltitel: The Burgess Boys
Übersetzung: Sabine Roth, Walter Ahlers
Seiten: 400
ISBN: 978-3630873442

Bob und Jim Burgess sind in einer Kleinstadt in Maine aufgewachsen, aber so bald sie konnten nach New York gezogen. Das Kleinstadtleben wollten sie für immer hinter sich lassen. Ihre Schwester Susan ist geblieben und als ihr Sohn Zach in Schwierigkeiten gerät, machen sich die Burgess Boys auf den Weg in die alte Heimat. Dort angekommen müssen sie feststellen, dass sich Vieles verändert hat, zahlreiche Einwanderer aus Somalia mischen sich unter die ursprüngliche Bevölkerung. Durch deren Kultur und Religion entstehen diverse Konflikte.

Elizabeth Strout hat sich mit diesem Roman viel vorgenommen. Nicht nur schildert sie verschiedenste Familiendramen  (ein Kindheitstrauma, Probleme eines Scheidungskindes, Eheprobleme, Rivalität unter Geschwistern…), sie wagt sich auch an das schwierige Thema von Einwanderung und Integration. Auf mich wirkte “Das Leben natürlich” trotzdem an keiner Stelle überladen, die verschiedenen Themen fügen sich gut in die Handlung ein.

Auch die vielen Personen und verschiedenen Sichtweisen haben mir gut gefallen. Elizabeth Strout schreibt nicht nur aus der Perspektive der drei Burgess-Geschwister und ihrer (Ex-)Partner, sondern zum Beispiel auch aus Sicht eines Somali-Einwanderers. Zachs Schwierigkeiten, die den Ausgangspunkt der Handlung lieferten, geraten dadurch zwar hin und wieder in den Hintergrund, aber auch die anderen Geschichten, die in “Das Leben natürlich” erzählt werden, sind durchaus lesenswert.

Auch wenn Vieles schief läuft im Leben von Elizabeth Strouts Protagonisten, hatte ich beim Lesen durchgehend ein sehr positives Gefühl. Die Kleinstadt, in der sich zwar Vieles verändert hat, Anderes aber auch immer so bleiben wird, wie es einmal war, strahlt eine Geborgenheit aus, die einen die Schicksalsschläge der Figuren immer wieder vergessen lässt. Das hektische New York, in das die Handlung immer wieder springt, wirkt als Kontrast und verstärkt den Charme der Kleinstadt in meinen Augen nur noch.

Ein “Wohlfühlbuch” ist “Das Leben natürlich” zwar nicht gerade, ich hatte aber viel Freude mit der Lektüre und bin gespannt auf andere Werke von Elizabeth Strout. :sheep4:

Atiq Rahimi – Verflucht sei Dostojewski

Verlag: List
Erschienen: März 2012
Übersetzung: Lis Künzli
Seiten: 288
ISBN: 978-3548611631

Rassul tötet eine alte Wucherin mit einem Beil, wie sein literarisches Vorbild Raskolnikow aus Dostojewskis “Verbrechen und Strafe”. Doch in Kabul gibt es andere Probleme, als einen einfachen Mord, weshalb er weder gesucht, noch zur Rechenschaft gezogen wird. Rassul irrt verzweifelt durch die Stadt, immer auf der Suche nach einem Richter und der Frau im hellblauen Tschaderi, die er kurz nach dem Mord das Haus der Wucherin betreten sah.

Leider ist meine Lektüre von “Verbrechen und Strafe” schon mehrere Jahre her. Hätte ich die Handlung noch genauer im Kopf gehabt, hätte mir “Verflucht sei Dostojewski”  sicher noch besser gefallen. Denn eigentlich hat Atiq Rahimi nur Dostojewskis Geschichte in die heutige Zeit und nach Afghanistan versetzt und sonst vieles gleich gelassen. Der geistige Zustand, die Verwirrung nach der Tat und auch die körperliche Krankheit als Resultat sind bei Rassul ähnlich wie bei Raskolnikow. Es sind viele Parallelen zu erkennen, doch hat Atiq Rahimi ein ganz anderes Buch als Dostojewski geschrieben. Rassul lebt unter ganz anderen Voraussetzungen, die Gesellschaft hat andere Sorgen als einen einfachen Mörder zu verurteilen.

Etwas anstrengend fand ich, dass Rassul vorübergehend seine Stimme verliert, aber niemand dies zu verstehen scheint und nur zu selten ein Zettel und ein Stift zur Hand sind. Daraus resultieren endlose Szenen mit verständnislosen Personen und unnötigen Missverständnissen.

Afghanistan als Schauplatz dieser Geschichte war für mich wieder sehr interessant. Ich lese gerne Bücher aus dieser Gegend und bin jedes mal gleichermaßen schockiert wie fasziniert. Jedem, der sich für diesen Teil der Welt interessiert, oder auf eine ungewöhnliche Nacherzählung von Dostojewskis “Verbrechen und Strafe” neugierig ist, möchte ich Atiq Rahimis “Verflucht sei Dostojewski” ans Herz legen. :sheep4:

Helen Fielding – Bridget Jones: Mad About the Boy

Ich werde hier auf etwas eingehen, das nicht im Buch, sondern schon zuvor passiert und somit ab der ersten Seite klar ist. Es ist also kein Spoiler im eigentlichen Sinne, wer aber gar nicht wissen möchte, in welcher Situation Bridget sich im neuen Roman befindet, sollte nicht weiterlesen.

Verlag: Jonathan Cape
Erschienen: 10. Oktober 2013
Auf Deutsch: Bridget Jones – Verrückt nach ihm (März 2014)
Seiten: 400
ISBN: 978-0224098106

Viele Jahre sind vergangen seit dem letzten Bridget Jones Roman. Bridget ist inzwischen Anfang fünfzig, hat zwei Kinder und ist Witwe (ja, Mark Darcy ist gestorben). Zwischen der Kinderbetreuung und ihrem neuen Job als mäßig erfolgreiche Drehbuchautorin bleibt nicht viel Zeit dafür, wieder einen Partner zu finden. Auf Twitter angelt sie sich schließlich nicht nur den ein oder anderen Follower, sondern auch einen dreißigjährigen Toy Boy.

Auch der dritte Teil ist im gewohnt lockeren Tagebuchstil geschrieben, Bridget plaudert wie eh und je über Alkoholeinheiten, ihr Gewicht und die Anzahl der gegessenen Schokoriegel. Ich musste mich am Anfang erst daran gewöhnen, denn vieles, was bei einer Dreißigjährigen noch witzig ist, wirkt bei einer Fünfzigjährigen mit zwei kleinen Kindern eher seltsam. Aber Bridget ist und bleibt eben Bridget, auch in ihrer neuen Situation, mit der ich zugegebenermaßen am Anfang nicht besonders glücklich war.

Als dann ihr Toy Boy Roxster auftaucht, geht das wohlbekannte Beziehungsdrama los. Bridget manövriert sich gewohnt chaotisch durch diverse Dates und den ersten Sex seit langer Zeit und lässt dabei kein Fettnäpfchen aus. Trotzdem sind die beiden ein sehr niedliches Paar, das den Altersunterschied lange Zeit vergessen lässt. Auch wenn mir von Anfang an klar war, wie das Buch für Bridget enden würde, hat es mir viel Spaß gemacht, ihren Weg dorthin zu verfolgen.

Ob Helen Fielding sich einen Gefallen damit getan hat, Mark Darcy sterben zu lassen? Empörte Rezensionen und enttäuschte Leserinnen zeugen eher vom Gegenteil. Und doch bin ich froh, dass sie sich für eine Fortsetzung mit unerwarteter Handlung entschieden hat und nicht das Buch geschrieben hat, das alle erwartet haben – ein leicht chaotisches Familienidyll mit Mark, Bridget und ein paar Kindern.

Mich hat auch der dritte Teil der Reihe gefesselt und ich habe ihn nach kleinen Anfangsschwierigkeiten an nur zwei Tagen verschlungen. :sheep4: