Ian McEwan – On Chesil Beach

Verlag: Vintage
Erschienen: 2008
Auf Deutsch: Am Strand
Seiten: 166
ISBN: 978-0099512790

Ein junges, unerfahrenes Paar, eine bevorstehende Hochzeitsnacht, diverse unaussprechliche Ängste und Erwartungen – für unsere sexuell emanzipierte Generation ist diese Situation kaum vorstellbar. Für Edward und Florence im Jahr 1962 ist das allerdings die Realität. Sie haben gerade geheiratet und sind kurz davor, in einem Hotel ihre erste gemeinsame Nacht zu verbringen. Während Edward sich nur mit Versagensängsten quält, ist für Florence der Gedanke an körperliche Liebe allgemein abstoßend. Und da ein Gespräch über die Situation unmöglich scheint, steuern die beiden Schritt für Schritt auf die unvermeidbare Katastrophe zu.

Sehr einfühlsam zeichnet Ian McEwan das junge Paar, beschreibt abwechselnd ihr Innenleben. Er führt den Leser auch in die Vergangenheit des Paares, erzählt von der jeweilige Kindheit und dem Kennenlernen. Gerade einmal 166 Seiten braucht er dafür, weshalb “On Chesil Beach” auch eine unheimlich dichte Erzählung ist, vollgepackt mit Gefühlen und Gedanken, die mich als Leser mitgerissen haben, obwohl die ganze Situation aus meiner heutigen Sicht schwer vorstellbar ist. Ian McEwan versetzt sich gleichermaßen in die Lage von Florence und von Edward und vermittelt die unterschiedlichen Sorgen der beiden sehr nachvollziehbar.

Mir hat “On Chesil Beach” sehr gut gefallen, die eher knappen Erzählungen aus der Vergangenheit, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss, ergänzen sich gut mit der Ausführlichkeit des Hochzeitstages. Nach “Abbitte” war dies mein zweites Buch von Ian McEwan, aber sicher nicht mein letztes. :sheep4:

Literarische Weltreise meets Fußball-WM: Gruppe D

Ich hoffe ihr hattet alle ein schönes Wochenende und habt – je nach Vorliebe – viel Fußball geschaut oder viel Lesezeit gehabt! Heute starte ich mit Literaturempfehlungen aus Gruppe D mit Uruguay, Costa Rica, England und Italien in die neue Woche.

Uruguay: Literarisch habe ich mit Uruguay noch keine Erfahrungen gemacht. Dafür habe ich im Bücherregal meiner Eltern “Das kurze Leben” von Carlos Juan Onetti entdeckt, das ich mir bei Gelegenheit ausleihen werde. Wenn euch das Buch näher interessiert, schaut euch doch mal den Wikipedia-Artikel dazu an. Ich werde es sicher nach der Lektüre auch hier vorstellen, aber da ich durch dieses Projekt und die vielen spannenden Kommentare so viele interessante Bücher entdecke, kann ich noch nicht sagen, wann ich es wirklich lesen werde.

Costa Rica: Auch mit Literatur aus Costa Rica habe ich noch keine Erfahrung gemacht, allerdings habe ich im Literaturschock-Forum eine Rezension zu “Der Mönch, das Kind und die Stadt” von Fernando Contreras Castro entdeckt, die mich neugierig gemacht hat. Die Inhaltszusammenfassung liest sich recht ungewöhnlich: Fernando Contreras Castro erzählt die Geschichte vom einäugigen Jungen Polyphem, der in einem Bordell geboren wurde und bei einem Mönch aufwächst. Das könnte durchaus ein Buch nach meinem Geschmack sein.

England: Nach zwei schwierigen Ländern kommt hier dafür ein ganz einfaches. Vermutlich hat jeder schon Bücher aus England gelesen, seien es die Klassiker wie Charles Dickens, Jane Austen und die Brontë-Schwester oder moderne Autoren wie Joanne K. Rowling und Nick Hornby. Ich habe in den Tiefen meines Bücherregales gewühlt und mich schließlich dazu entschieden, euch Neil Gaiman und ganz besonders sein neustes Werk “Der Ozean am Ende der Straße” zu empfehlen. Im Oktober erscheint es endlich auf deutsch, ich habe es letztes Jahr schon auf englisch gelesen und war begeistert. Neil Gaiman hat es mit diesem Buch einmal mehr geschafft, mich in eine fantastische Welt zu entführen. Auf keinen Fall ist dieses Buch nur für Fantasy-Fans oder Jugendliche geeignet!

Italien: Auch Italien ist für mich ein sehr einfaches Land. Da ich schon oft in Italien Urlaub gemacht habe und seit einiger Zeit Italienisch lerne, hat mich auch die italienische Literatur schon immer interessiert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir “Wenn ein Reisender in einer Winternacht” von Italo Calvino. Dabei handelt es sich nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne, sondern um eine Sammlung von Romananfängen, die aber zusammen doch irgendwie eine Geschichte ergeben. Wenn es etwas Aktuelles sein soll, kann ich die Krimi-Reihe von Alessia Gazzola empfehlen. Für mich Krimimuffel findet sie in ihren Büchern rund um die sympathische Assistenzärztin Alice Allevi einen guten Mittelweg zwischen Chick-Lit und einem spannenden Fall, den es aufzuklären gilt. Den zweiten Teil der Reihe, “Herzversagen”, habe ich letztes Jahr auch schon auf dem Blog vorgestellt.

Auch heute interessieren mich wieder eure Empfehlungen zu den vorgestellten Ländern. Allerdings müsst ihr mir nicht alle englischen Autoren auflisten, von denen ihr schon was gelesen habt, das würde dann wohl bei den meisten den Rahmen sprengen ;-)

Bethan Roberts – Der Liebhaber meines Mannes

Verlag: Kunstmann
Erschienen: Februar 2013
Originaltitel: My Policeman
Übersetzung: Astrid Gravert
Seiten: 400

In einer Zeit, in der Homosexualität in England noch illegal war, verliebt der Polizist Tom sich in Patrick. Auf der anderen Seite steht Toms Jugendfreundin Marion, die sich schon immer von ihm angezogen fühlte und die er schließlich auch heiratet. So steht eine leidenschaftliche Affäre, die immer geheimgehalten werden muss, einer freudlosen und wenig liebevollen Ehe, in der immer etwas zu fehlen scheint, gegenüber.

Abwechselnd liest man Marions und Patricks Tagebucheinträge, lernt Tom nach und nach aus der Sicht seiner beiden Partner kennen. Bethan Roberts zeichnet dadurch zwei ganz unterschiedliche Bilder eines Mannes, der zwischen zwei Welten gefangen ist. Gefangen sind aber auch seine beiden Partner – jeweils in einer Beziehung, die ihnen nie das geben kann, was sie sich erhofft haben. Eigentlich sind alle Figuren in diesem Buch unglücklich, auch die Nebenfiguren wie Toms Schwester oder Marions Lehrerkollegin haben mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen. Ein fröhliches Buch ist “Der Liebhaber meines Mannes” also nicht, ich würde es eher als deprimierend bezeichnen, ohne allerdings künstlich auf die Tränendrüse zu drücken.

Die Gleichstellung homosexueller Paare ist heutzutage ja in aller Munde, über die Situation in der Vergangenheit hatte ich mir allerdings noch nicht viele Gedanken gemacht. Ich fand das Thema sehr interessant und auch lesenswert umgesetzt. Die Autorin schafft es auf sehr subtile Art, Mitgefühl und Verständnis für ihre Figuren zu erzeugen, die ein Opfer der gesellschaflichen Zwänge ihrer Zeit sind.

Wenn man sich auf die traurige Grundstimmung einlässt, ist “Der Liebhaber meines Mannes” ein lesenswerter Roman über ein ungewöhnliches Liebesdreieck im England der 60er Jahre. :sheep4:

Alan Bradley – A Red Herring Without Mustard

Verlag: Bantam
Deutscher Titel: Flavia DeLuce. Halunken, Tod und Teufel
Erschienen: 2011
Seiten: 416

Flavia DeLuce scheint Mord und Totschlag magisch anzuziehen. Schon wieder ist im kleinen Ort Bishop’s Lacey ein Verbrechen passiert. Flavia findet die alte Zigeunerin, die ihr noch vor wenigen Stunden die Zukunft vorausgesagt hat, blutüberströmt in ihrem Wohnwagen. Und Flavia wäre nicht Flavia, würde sie nicht auf eigene Faust den Täter ermitteln. Von ihren Nachforschungen lässt sie sich weder von der örtlichen Polizei, noch von ihrem Vater abhalten.

Im dritten Band der Reihe gibt es keine langen Vorreden, das Verbrechen geschieht gleich am Anfang und die Spannung lässt nicht lange auf sich warten. Flavia legt auch gleich richtig los, geht jedem kleinen Hinweis nach und besucht alle, die auch nur annähernd in Bezug zum Verbrechen stehen könnten. Dabei kommen natürlich eine ganze Menge Personen und Verbindungen zusammen, die man jederzeit parat haben sollte. Leider habe ich beim Lesen eine längere Pause gemacht, so dass ich öfter mal nachblättern musste und mich nicht mehr an alles erinnern konnte. Das war gegen Ende dann aber kein Problem mehr, da man Flavias Schlussfolgerungen sehr gut folgen kann.

Zusätzlich zu dem spannenden Kriminalfall lernt man auch diesmal Flavias Familie und andere liebgewonnene Personen aus den ersten Bänden genauer kennen. Sie stehen zwar nicht im Mittelpunkt des Geschehens, aber trotzdem erfährt man einiges über die Geldsorgen des Vaters, die gemeinen Spielchen der Schwestern und vieles mehr. Auch von Flaivas Mutter Harriet ist öfter die Rede und ich bin gespannt, ob man in den Folgebänden noch genaueres über ihr Verschwinden erfährt.

Ich brauche zwar bei jedem Flavia-Band ein bisschen, bis ich mich in die nicht ganz triviale Sprache eingelesen habe, aber dann fühle ich mich jedes Mal wieder zuhause in Bishop’s Lacey, diesem englischen Dorf der 50er Jahre. Ich freue mich schon sehr darauf, den nächsten Teil “I Am Half-Sick of Shadows”, der im Oktober auch auf Deutsch (“Vorhang auf für einen Leiche”) erscheint, zu lesen. Insgesamt hat mir “A Red Herring Without Mustard” zwar nicht ganz so gut gefallen wie der Vorgänger, ist mir aber trotzdem :sheep4: wert.

Chris Cleave – Little Bee

Verlag: Simon & Schuster
Erschienen: 2008
Seiten: 304
Deutscher Titel: Little Bee
Deutscher Verlag: dtv

Der Klappentext verrät nur wenig über den Inhalt und bittet den Leser auch, bei Weiterempfehlungen nicht zu viel zu verraten. Ich wusste wirklich nicht, um was es in diesem Buch geht, bevor ich angefangen habe, es zu lesen. Viele positive Rezensionen hatten mich darauf aufmerksam gemacht, aber von diesen blieb auch nur das Stichwort “afrikanisches Flüchtlingsmädchen” hängen.

Zwei Jahre vor Beginn der Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden, haben sich Little Bee, ein junges nigerianisches Mädchen, und Sarah, die mit ihrem Mann eine Urlaubsreise macht, an einem nigerianischen Strand getroffen. Was dort passiert ist, erfährt man erst recht spät im Buch, deshalb möchte ich an dieser Stelle nur sagen, dass es ein schicksalshafter Tag für alle Beteiligten war, der ihr Leben nachhaltig verändert hat.  Zu Beginn des Buches treffen die beiden sich wieder und versuchen gemeinsam, vergangene und aktuelle Geschehnisse zu verarbeiten.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Sarah und Little Bee, die zwar sehr unterschiedlich sind, in ihrer Stärke und Unabhängigkeit aber auch viele Gemeinsamkeiten haben. Interessante Charaktere sind beide und Chris Cleave hat es geschafft, die jeweiligen Kapitel ganz unterschiedlich zu erzählen und die Stimmen der Protagonistinnen von einander abzusetzen. Little Bee erklärt dem Leser oft, wie sie ihren Freundinnen zuhause englische Gegebenheiten erklären würde, wodurch sie kulturelle Unterschiede aufzeigt, ohne belehrend zu wirken. Auch wenn Sarah keine ungewöhnliche Romanfigur ist – die durchschnittliche beruflich erfolgreiche Mutter und Ehefrau – haben mir ihre Passagen fast besser gefallen. Vielleicht liegt das auch gerade daran, dass sie dem europäischen Leser näher ist als Little Bee und man sich besser mit ihr identifizieren kann. Besonders ans Herz gewachsen ist mir auch Sarahs Sohn Charlie, der nur im Batman-Kostüm auftritt und für den ein oder anderen Lacher gut ist und etwas Lockerheit in dieses sonst recht ernste Buch bringt.

Vom Anfang des Buches an arbeitet sich die Geschichte erst einmal Rückwärts, bis wir den Punkt an jenem Strand in Nigeria erreichen, an dem alles begann. Lange muss der Leser rätseln, was denn dort passiert sein könnte und als man es endlich erfährt, ist das der Höhepunkt der Geschichte. Alles was danach kam, plätscherte nur noch vor sich hin und war für mich nicht mehr so interessant. Einige Wendungen gegen Ende waren für mich nicht nachvollziehbar, ich hätte mir einen anderen Schlusspunkt gewünscht und hatte von Sarah eine reifere und durchdachtere Handlungsweise erwartet.

Es ist sehr schade, dass die zweite Hälfte des Buches die aufgebaute Spannung nicht halten kann, denn in der ersten Hälfte war ich so begeistert von “Little Bee”, dass ich ohne Bedenken die Höchstwertung vergeben hätte. So reicht es dank der interessanten Geschichte und der überragenden ersten Hälfte für :sheep4: