Kerstin Gier – Silber. Das zweite Buch der Träume

Verlag: Fischer FJB
Erschienen: 23.06.2014
Seiten: 416
ISBN: 978-3841421678

Ein bisschen albern fühle ich mich ja schon, dass ich mich so über eine Neuerscheinung im Jugendbuch-Bereich freue, am Sonntag den ersten Teil nochmal gelesen und innerhalb von zwei Tagen Teil zwei verschlungen habe. Das spricht aber eigentlich nur für das Buch.

Aber jetzt mal von vorne: Seit dem Ende von Silber. Das erste Buch der Träume sind ein paar Wochen vergangen, Weihnachten steht vor der Tür, Liv und Henry sind ein glückliches Paar und von einem Dämon ist keine Rede mehr. Und trotzdem können Liv und ihre Freunde es nicht lassen, sich in ihren Träumen zu treffen und durch die geheimnisvollen Türen in den Traum-Korridor zu gehen. Erst als sie dort einen Fremden treffen und Livs Schwester Mia anfängt schlafzuwandeln, kommt wieder so etwas wie Alarmbereitschaft auf. Außerdem scheint Henry Liv so einiges zu verheimlichen…

Obwohl es sich um den Mittelband einer Trilogie handelt und nicht sehr viel passiert, ist das Buch trotzdem spannend. Kerstin Gier füttert ihre Leser mit vielen Informationen über die Träume und die damit verbundenen Regeln und Einschränkungen. Außerdem lernt man die Charaktere näher kennen und erlebt viele lustige Momente mit Livs chaotischer Patchwork-Familie. Kindermädchen Lottie mit ihren Aufmunterungs-Ganzjahres-Vanillekipferln (das Rezept gibt es als kleines Extra am Ende des Buches) ist mir noch mehr ans Herz gewachsen als zuvor schon.

Zum Glück bleibt uns Lesern ein größerer Cliffhanger erspart, natürlich gibt es am Ende des Buches noch offene Fragen, der größte Handlungsstrang ist aber in sich abgeschlossen. Viel zu schnell war ich wieder am Ende angelagt und jetzt beginnt die Warterei. Ich hoffe, Das dritte Buch der Träume erscheint 2015, einen offiziellen Termin gibt es aber noch nicht.

Insgesamt ist auch Silber. Das zweite Buch der Träume ein spannender Jugendroman mit übersinnlichen Elementen, einer Liebesgeschichte und einer charmanten Familie rund um eine sympathische Hauptfigur. :sheep4:

Alice Munro – Tricks

Verlag: Fischer
Erschienen: 2004
Übersetzung: Heidi Zerning
Seiten: 384
ISBN: 978-3596168187

Dieses Buch von Alice Munro steht schon seit Jahren bei mir im Regal. Ich habe es vor einiger Zeit aus einer Kiste mit Mängelexemplaren gezogen, weil mir der Name bekannt vorkam. Nun hat die kanadische Autorin den Literaturnobelpreis gewonnen und ich war froh, dass ich gleich ein Buch von ihr zur Hand hatte um mir selbst ein Bild zu machen.

In “Tricks” sind acht Erzählungen enthalten, die jeweils sehr alltägliche Geschichten aus dem Leben von Frauen zum Thema haben. Meist umspannen die Erzählungen einen längeren Zeitraum. Entweder durch Zeitsprünge oder Rückblenden lässt Alice Munro den Leser an einem kompletten Leben teilhaben. Oft sind es kleine Zufälle, unerwartete Begegnungen, die das restliche Leben der Hauptfigur unwiederbringlich verändern.

Die meisten Geschichten waren zwar nett und unterhaltsam zu lesen, herausragend fand ich sie nicht. Alice Munro bleibt sehr nah am Alltäglichen, ihren Figuren passiert nichts Außergewöhnliches. Außerdem handelt es sich bei den Protagonistinnen um durchschnittliche Frauen. Manche der Erzählungen schrammen für mich sogar an der Grenze zur Banalität vorbei. Entsprechend wenig blieb mir nach dem Lesen im Gedächtnis.

Kurzgeschichten sind allgemein nicht meine liebste Erzählform, ein bisschen mehr Ausführlichkeit brauche ich meistens doch, um mit den Figuren und der Situation warm zu werden, auch wenn ich nach wie vor dünne Bücher bevorzuge. Und doch habe ich schon Kurzgeschichten gelesen, die mir weitaus besser gefallen haben, als die von Alice Munro. Gerne denke ich zum Beispiel an Dorothy Parkers “New Yorker Geschichten”.

Insgesamt bin ich froh, dass ich dieses Buch, das seit Jahren in meinem Regal steht, nun endlich gelesen habe. Ich fand es auch nicht so schlecht, wie sich der Text vielleicht liest, konnte nur nicht die Besonderheit entdecken, die Andere in Alice Munros Kurzgeschichten sehen und die ihr vermutlich den Nobelpreis eingebracht haben. :sheep3:

Wer sich selbst ein Bild machen möchte und nicht gleich ein ganzes Buch kaufen, kann eine der in “Tricks” enthaltenen Kurzgeschichten im englischen Original online lesen: “Passion”

Kerstin Gier – Silber – Das erste Buch der Träume

Verlag: Fischer
Erschienen: Juni 2013
Seiten: 416
ISBN: 978-3841421050

Die 16-jährige Liv und ihre kleine Schwester Mia kennen das schon seit Jahren: ein Umzug nach dem nächsten, neue Wohnung, neue Schule, neue Freunde. Doch diesmal ist alles anders, denn ihre Mutter hat sich verliebt. So gibt es als Bonus noch einen Stiefvater und zwei Stiefgeschwister dazu. Als wäre das noch nicht genug, fängt Liv auch noch an, seltsame Träume zu haben. Sie träumt von ihrem Stiefbruder Grayson und seiner Clique, geheimnisvollen Türen und Ritualen auf einem Friedhof. Das komischste daran aber ist, dass Grayson und seine Freunde sich ebenfalls an diese Träume erinnern können. Nach und nach kommt Liv ihrem Geheimnis auf die Spur und gerät auch noch selbst mitten hinein.

Kerstin Gier ist wieder ein spannender Reihenauftakt gelungen. Schon die Edelsteintrilogie habe ich gerne gelesen und Silber – Das erste Buch der Träume erinnert ein bisschen daran. Das Buch spielt wieder in England, Liv ist Gwen ein bisschen ähnlich, ihre Familie kann man auf jeden Fall als außergewöhnlich bezeichnen und natürlich gibt es auch wieder eine Liebesgeschichte. Sonst ist dafür alles anders, statt Zeitreisen gibt es hier Träume, allerdings ist der Fantasy-Anteil in der neuen Reihe nicht so hoch wie noch in der Edelsteintrilogie.

Das ganze Umfeld von Liv erinnert leider ein bisschen zu sehr an amerikanische High-School-Komödien. Es gibt einen Herbstball, der das Highlight des Schuljahres ist, die gutaussehende Jungs-Clique, in die alle Mädchen verliebt sind und noch so einiges mehr. Auch dreht sich vieles um Jungs und Klamotten, der neuesten Tratsch der Schule wird auf einem Blog à la Gossip Girl veröffentlicht. Die Geschichte hält sich gerade noch so die Waage zwischen den mysteriösen Träumen und den Geheimnissen, denen Liv auf die Spur kommt und dem Teenie-Alltag mitsamt erster großer Liebe.

Insgesamt fand ich Silber – Das erste Buch der Träume sehr spannend und habe es gern gelesen. Über die High-School-Atmosphäre und die vielen Teenie-Probleme kann ich hinwegsehen, weil ich nicht mehr ganz zur Zielgruppe gehöre. Ich bin Kerstin Gier sehr dankbar, dass sie auf einen Cliffhanger am Ende verzichtet hat. So kann man die Wartezeit bis Juni 2014 einigermaßen aushalten, dann soll Silber – Das zweite Buch der Träume erscheinen. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht! :sheep4:

Ulrich Schmid – Sternensalz. Russische Lyrik

Verlag: Fischer
Erschienen: 2003
Seiten: 390

Das Buch, das ich gelesen habe ist enthalten im 6-bändigen Schuber Russland lesen, herausgegeben von Swetlana Geier. Einzeln scheint man Sternensalz nicht kaufen zu können, zumindest konnte ich nichts dazu finden.

Im Schuber noch enthalten sind:

  • Alexander Puschkin – Ägyptische Nächte
  • Nikolaj Gogol – Petersburger Geschichten
  • Lew Tolstoj – Die Kosaken
  • Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
  • Swetlana Geier (Hg.) – Statt einer russischen Literaturgeschichte

Ulrich Schmid hat in Sternensalz. Russische Lyrik eine sehr umfang- und abwechslungsreiche Sammlung russischer Gedichte zusammengetragen. In einem informativen Vorwort führt er den Leser in die Thematik ein und gibt einen kleinen Überblick über die russische Lyrik von Puschkin bis in die heutige Zeit.

Die Gedichte sind thematisch geordnet, es gibt Kapitel über die Liebe, Religion, Russland usw. Das führt dazu, dass man manchen Autoren immer wieder begegnet und nicht mehrere Gedichte vom selben Autor am Stück lesen muss. Jedem Kapitel ist wiederum eine kurze Abhandlung vorangestellt, in der der Leser Informationen über die Thematik und deren Einfluss auf russische Lyriker erhält.

Bei einer so umfangreichen Sammlung von Gedichten kann einem natürlich nicht jedes Gedicht gut gefallen, mit manchen konnte ich weniger anfangen, mit anderen dagegen mehr. Von einigen Autoren würde ich in Zukunft gerne noch mehr lesen. Ganz abgesehen vom persönlichen Geschmack lässt sich sagen, dass es Ulrich Schmid geglückt ist, dem Leser einen Überblick zu verschaffen. Besonders positiv ist mir auch aufgefallen, dass viele Gedichte von Autorinnen enthalten sind.

Im Anhang gibt es Informationen zu Übersetzern und auch jeweils sehr kurze Biografien über die Autoren, von denen Gedichte in Sternensalz enthalten sind. Wer gerne mal Gedichte liest und auch russische Literatur mag, dem kann ich dieses Buch definitiv empfehlen!
:sheep4:

Vikram Seth – Zwei Leben

Verlag: Fischer
Erschienen: 2006
Originaltitel: Two Lives
Übersetzung: Anette Grube
Seiten: 544

Schon vor zwei Wochen habe ich dieses Buch beendet, aber ich musste das Gelesene erst etwas sacken lassen, bevor ich jetzt meine Meinung formulieren kann.

Vikram Seth erzählt in diesem Buch die Geschichte seines Onkels Shanti und seiner Tante Henny, bei denen er als Jugendlicher längere Zeit wohnte und zu denen er so lange sie lebten eine ganz besondere Bindung hatte. Er beginnt die Geschichte mit seinen persönlichen Erfahrungen und beschreibt im ersten Teil seine Zeit mit Henny und Shanti. Mit Hilfe von Interviews mit Shanti und einem Koffer voll Korrespondenz von Henny rekonstruiert er das Leben der beiden und lässt auch viele eigene Erinnerungen einfließen.

Ich bin noch immer sehr zwiegespalten, wie ich das Buch denn nun fand. Einerseits finde ich es auch mal ganz interessant, über reale Personen zu lesen und nicht über Figuren, die nur der Fantasie des Autors entsrpingen. Andererseits müssen diese realen Personen dann auch irgendwie besonders sein, so dass es sich lohnt, über sie zu schreiben. Dieser Punkt ist für mich bei Henny und Shanti nicht ganz erfüllt. Jedes Menschenleben liefert sicherlich Erzählenswertes und wenn diese Menschen dann auch noch den zweiten Weltkrieg durchlebt haben – Henny sogar als Jüdin – gibt es wohl auch genug Stoff für ein Buch. Allerdings sind mir diese doch ganz normalen und durchschnittlichen Leben zu ausführlich erzählt.

Gerade der dritte Teil, der sich um Hennys Leben dreht und zusätzlich der ausführlichste der fünf Teile ist, konnte mich einfach nicht fesseln und kein übermäßiges Interesse in mir wecken. Da Henny schon tot war, als Vikram Seth den Entschluss fasste, ein Buch über die beiden zu schreiben, blieb ihm nur ihre Korrespondenz mit diversen Personen, um ihr Leben zu rekonstruieren. Viele Briefe sind komplett im Buch enthalten, der Autor gibt vorher aber oft noch eine kurze Zusammenfassung ab oder greift die wichtigsten Punkte heraus, so dass es fast überflüssig ist, die Briefe selbst noch zu lesen. Zusätzlich springt er oft in der Zeit und zwischen den verschiedenen Briefeschreibern hin und her, so dass alles etwas verwirrend ist.

Da ich kein Fan bin von Literatur, die vom zweiten Weltkrieg handelt, hat mir der Krieg in diesem Buch auch einmal mehr zu viel Raum eingenommen. Ich kann verstehen, dass dieser Krieg auf alle Personen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt haben, einen großen Einfluss hatte. Allerdings muss man dann nicht in so einem Buch, das ja von realen Geschehnissen handelt,  Ereignisse in den dunkelsten Farben ausmalen, von denen niemand wissen kann, wie sie wirklich passiert sind. Das Leben in einem KZ und die Judenverfolgung wurden von anderen Autoren in anderen Büchern schon oft genug beschrieben, als dass man sie auch hier nochmal so in den Mittelpunkt stellen müsste. Das ist zumindest meine Meinung, da mir die Thematik langsam wirklich zu viel wird, vor allem, wenn man bei einem Buch gar nicht damit rechnet.

Die Beziehung zwischen Henny und Shanti ist noch so ein Punkt, von dem ich nicht so ganz weiß, wie ich über ihn denken soll. Einerseits kann man in Personen nicht hineinschauen und im Nachhinein auch schlecht beurteilen, wie ihre Gefühle zueinander waren. Andererseits habe ich beim Lesen mehr und mehr den Eindruck gewonnen, dass es sich – zumindest auf Hennys Seite – nur um eine Zweckehe handelte, da einfach sonst niemand aus ihrem Bekanntenkreis mehr da war. Wenn dieses Buch dann als “große Liebesgeschichte, die ein Jahrhundert umspannt” beworben wird, fühle ich mich als Leser etwas betrogen, da die große Liebe für mich nicht zu spüren war.

Positiv ist natürlich die schöne Aufmachung des Buches. Ich habe das Hardcover gelesen und da ist schon allein das Cover ein Highlight. Es ist ein kleines “Fenster” hineingeschnitten, durch das man ein Foto von Shanti und Henny sehen kann, das auf dem Vorsatzpapier aufgedruckt ist. Außerdem sind mehrere Fotos enthalten und einige Briefe oder Dokumente sind im Original abgedruckt.

Abschließend lässt sich auch noch sagen, dass Vikram Seth sicherlich ein beeindruckender Autor ist. Sprachlich ist das Buch sehr ansprechend und ich kann mir gut vorstellen, dass ein anderer Roman von ihm mich mehr überzeugen würde als Zwei Leben.

Für ein Buch, bei dem ich einige Passagen nur überflogen habe, andere dafür sehr gerne gelesen habe und das mich auch sicher nachhaltig beschäftigen wird, vergebe ich :sheep3: