Gregory David Roberts – Shantaram

Verlag: Little, Brown Book Group
Erschienen: 2003
Auf Deutsch: Shantaram
Deutscher Verlag: Goldmann
Seiten: 944

Nach seiner Flucht aus einem australischen Gefängnis landet Lin in Mumbai, wo er ein neues Leben anfängt. Er findet Freunde, die selbst aus diversen Gründen ihre Heimatländer verlassen mussten, lebt einige Zeit in einem Slum, wo er eine Klinik aufbaut, gerät aber immer mehr in die Machenschaften der örtlichen Maffia, was in bis nach Afghanistan in den Krieg führt.

Das Buch ist mit seinen fast 1000 Seiten nicht gerade schnell gelesen und so hat es mich auch lange begleitet. Besonders interessant war für mich persönlich, dass ich einen Teil des Buches gelesen habe, als ich gerade selbst in Indien war. Aus diesem Grund fand ich auch den Anfang sehr spannend, als der Protagonist Indien erst kennenlernt, die Eigenarten der Inder und deren Kultur aus der Sicht eines Außenstehenden beschreibt. Später lernt er Hindi und die lokale Sprache Marathi, wodurch er von den Einheimischen immer mehr als einer von ihnen akzeptiert wird. Man lernt Indien durch das Buch also nicht nur aus Sicht eines Ausländers kennen, sondern auch aus der Perspektive eines Beinahe-Einheimischen.

“Shantaram” ist schonungslos ehrlich. Wer sich Indien als bunte, nach Gewürzen duftende Glitzerwelt vorstellt, wird vermutlich enttäuscht werden. Lin lebt nicht gerade in gehobenen Verhältnissen, in seiner Zeit im Slum hat er nur eine einfache Hütte, kaum Möbel und andere Besitztümer, wie die meisten Inder auch. Viele Figuren kämpfen um das tägliche Überleben, können sich kaum das nötigste leisten. Bei vielen Szenen darf man nicht zimperlich sein, es wird gefoltert, gekämpft und geprügelt, wo auch immer sich eine Gelegenheit bietet. So detailliert hätte ich das manchmal lieber nicht gelesen.

Sprachlich fand ich das Buch sehr angenehm, auch wenn es sich nicht schnell weglesen lässt. Es gibt viele Diskussionen über Moral und philosophische Fragen, auf die man sich einlassen muss. Man bekommt also nicht nur eine oberflächliche Geschichte zu lesen, sondern auch den ein oder anderen Denkanstoß geliefert.

Insgesamt fehlte mir ein bisschen der rote Faden. Das Buch begleitet Lin über viele Jahre hinweg, manche Ereignisse werden erzählt, andere wiederum ausgelassen. Am Ende ist seine Geschichte aber keineswegs zu Ende, obwohl einige Fäden zusammenlaufen und man zu manchen Geschehnissen die Hintergründe erfährt. Es werden viele verschiedene Geschichten erzählt, viele Personen spielen eine Rolle, so dass man leicht mal den Überblick verlieren kann, gerade wenn man das Buch über einen längeren Zeitraum liest.

Ich bin kein Fan dicker Bücher und denke mir nach dem Lesen oft, dass man vieles hätte kürzen können. Hier gehörte jede kleine Nebenhandlung und jede “unwichtige” Szene einfach so sehr zum Gesamtbild, dass ich froh bin, dass Gregory David Roberts sich nicht kürzer gefasst hat. :sheep4:

Leseliste Indien

Hallo ihr Lieben!

Momentan ist es ein bisschen ruhig hier, zwischen Fußball schauen und Arbeit komme ich nach wie vor kaum zum Lesen. Aber die EM ist auch bald wieder vorbei und dann gibt es hier hoffentlich wieder regelmäßig neue Beiträge.

Heute möchte ich euch meine ganz persönliche kleine Leseliste vorstellen, die ich in den nächsten Monaten als eine Art Challenge abhaken möchte. Im Herbst werde ich beruflich für 3 Wochen in Indien sein und möchte vorher gerne noch ein paar Bücher aus/über Indien lesen. Einige Bücher kenne ich schon, besonders empfehlen kann ich Rupien! Rupien! von Vikas Swarup, was als “Slumdog Millionär” verfilmt wurde und Der weiße Tiger von Aravind Adiga. Einige andere Bücher schlummern aber noch auf meinem SuB und wollen gelesen werden.

1. Amitav Ghosh – Der Glaspalast
Rajkumar, ein indischer Waisenjunge, arbeitet als Tellerwäsche in einer Garküche in Mandalay, als die Briten einmarschieren und die Königsfamilie des Landes verweisen. Mit einem Strom von Plünderern wird Rajkumar in den Glaspalast gespült, dessen glitzernde Fassade er bisher nur aus der Ferne bewundern konnte. Wie im Traum wandert er durch die mit Kostbarkeiten angefüllten Räume, nimmt eine Schatulle mit Edelsteinen an sich, um sie vor marodierenden Eindringlingen zu retten. Und reicht sie schließlich Dolly, einem wunderschönen Mädchen aus dem Gefolge der Königin, das ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Dolly und Rajkumar begegnen sich tatsächlich wieder: in Ratnagari, dem indischen Exil der birmanischen Königsfamilie. Mit der verschlungenen Liebesgeschichte der beiden nimmt Amitav Ghoshs breit angelegte Familiensage ihren Anfang.

2. Tarquin Hall – Der lächelnde Tote
Schon seit einiger Zeit hat der berühmte Wissenschaftler Dr. Jiha Todesdrohungen erhalten. Als er sich wie immer mit einigen Freunden zur Lachtherapie im Park trifft, taucht plötzlich die Rachegöttin Kali auf und ersticht ihn mit einem Schwert. Vish Puri, Indiens originellster Privatdetektiv, glaubt nicht daran, dass übernatürliche Kräfte am Werk sind, un dnimmt die Ermittlungen auf

3. Rohinton Mistry – A Fine Balance
Man schreibt das Jahr 1975. Der Ort: Bombay. Hier treffen vier Menschen aufeinander: Dina Dalal, eine Frau, Anfang Vierzig und seit fast zwanzig Jahren verwitwet; Maneck Kohlah, ein Student aus dem Gebiet des Himalajas; Ishvar Darji, ein unglaublicher Optimist, und sein widerspenstiger junger Neffe Omprakash – zwei Schneider, die vor den unerträglichen Verhältnissen auf dem Land in die Stadt geflohen sind. Diese vier lernen sich kennen, achten und lieben und werden doch vom Schicksal wieder auseinandergerissen.

4. Gregory David Roberts – Shantaram
Als der Australier Lindsay in Bombay strandet, hat er zwei Jahre Gefängnis hinter sich und ist auf der Flucht vor Interpol. Zu seinem großen Glück begegnet er dem jungen Inder Prabaker, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Auf ihren Streifzügen durch die exotische Metropole schließen die beiden eine innige Freundschaft, und Lindsay lernt nicht nur die Landessprache, sondern auch, mit sich ins Reine zu kommen: Er wird zu „Shantaram“, einem „Mann des Friedens“, und kämpft für die Ärmsten der Armen. Doch dann verfällt Lindsay einer Deutsch-Amerikanerin mit dubiosen Kontakten zur Unterwelt …

5. E.M. Forster – A Passage to India
Mit großen Erwartungen reist die Engländerin Adela Quested nach Indien. Begeistert folgt sie einer Einladung zum Besuch der geheimnisvollen Marabar-Grotten unweit Tschandrapurs. Doch es kommt zu einem Zwischenfall, der die latenten Konflikte zwischen Indern und Engländern, Einheimischen und Kolonialherren radikal aufbrechen lässt.

Zusatz: Kulturschock Indien
Dieses Buch will helfen, Indien und die Inder zu verstehen. Es ist ein Reiseführer durch den Dschungel des indischen Alltags, ein Knigge für bewußtes Reisen und Erleben. Es beschreibt die Denk- und Verhaltensweisen der Einwohner, erklärt die geschichtlichen, religiösen und sozialen Hintergründe, die zu diesen Lebensweisen führen und bietet somit eine Orientierung im Dschungel des fremden Alltags. Familienleben, Moralvorstellungen und Anstandsregeln werden genauso erläutert wie Umgangsformen, religiöse Gebote oder Tischsitten. Davon abgeleitet werden Empfehlungen für den Reisealltag, z.B. im Hotel, unterwegs, beim Einkaufen und beim alltäglichen Umgang mit den Einwohnern des Gastlandes.

Ob ich es schaffe, alle 6 Bücher bis zu meiner Abreise zu lesen, weiß ich nicht, aber ich habe zumindest die Auswahl aus dem Bücherregel zusammengesucht und das ein oder andere Buch werde ich sicher lesen.

Habt ihr schon mal ein Buch aus/über Indien gelesen und könnt ihr noch was empfehlen?

Vikram Seth – Zwei Leben

Verlag: Fischer
Erschienen: 2006
Originaltitel: Two Lives
Übersetzung: Anette Grube
Seiten: 544

Schon vor zwei Wochen habe ich dieses Buch beendet, aber ich musste das Gelesene erst etwas sacken lassen, bevor ich jetzt meine Meinung formulieren kann.

Vikram Seth erzählt in diesem Buch die Geschichte seines Onkels Shanti und seiner Tante Henny, bei denen er als Jugendlicher längere Zeit wohnte und zu denen er so lange sie lebten eine ganz besondere Bindung hatte. Er beginnt die Geschichte mit seinen persönlichen Erfahrungen und beschreibt im ersten Teil seine Zeit mit Henny und Shanti. Mit Hilfe von Interviews mit Shanti und einem Koffer voll Korrespondenz von Henny rekonstruiert er das Leben der beiden und lässt auch viele eigene Erinnerungen einfließen.

Ich bin noch immer sehr zwiegespalten, wie ich das Buch denn nun fand. Einerseits finde ich es auch mal ganz interessant, über reale Personen zu lesen und nicht über Figuren, die nur der Fantasie des Autors entsrpingen. Andererseits müssen diese realen Personen dann auch irgendwie besonders sein, so dass es sich lohnt, über sie zu schreiben. Dieser Punkt ist für mich bei Henny und Shanti nicht ganz erfüllt. Jedes Menschenleben liefert sicherlich Erzählenswertes und wenn diese Menschen dann auch noch den zweiten Weltkrieg durchlebt haben – Henny sogar als Jüdin – gibt es wohl auch genug Stoff für ein Buch. Allerdings sind mir diese doch ganz normalen und durchschnittlichen Leben zu ausführlich erzählt.

Gerade der dritte Teil, der sich um Hennys Leben dreht und zusätzlich der ausführlichste der fünf Teile ist, konnte mich einfach nicht fesseln und kein übermäßiges Interesse in mir wecken. Da Henny schon tot war, als Vikram Seth den Entschluss fasste, ein Buch über die beiden zu schreiben, blieb ihm nur ihre Korrespondenz mit diversen Personen, um ihr Leben zu rekonstruieren. Viele Briefe sind komplett im Buch enthalten, der Autor gibt vorher aber oft noch eine kurze Zusammenfassung ab oder greift die wichtigsten Punkte heraus, so dass es fast überflüssig ist, die Briefe selbst noch zu lesen. Zusätzlich springt er oft in der Zeit und zwischen den verschiedenen Briefeschreibern hin und her, so dass alles etwas verwirrend ist.

Da ich kein Fan bin von Literatur, die vom zweiten Weltkrieg handelt, hat mir der Krieg in diesem Buch auch einmal mehr zu viel Raum eingenommen. Ich kann verstehen, dass dieser Krieg auf alle Personen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt haben, einen großen Einfluss hatte. Allerdings muss man dann nicht in so einem Buch, das ja von realen Geschehnissen handelt,  Ereignisse in den dunkelsten Farben ausmalen, von denen niemand wissen kann, wie sie wirklich passiert sind. Das Leben in einem KZ und die Judenverfolgung wurden von anderen Autoren in anderen Büchern schon oft genug beschrieben, als dass man sie auch hier nochmal so in den Mittelpunkt stellen müsste. Das ist zumindest meine Meinung, da mir die Thematik langsam wirklich zu viel wird, vor allem, wenn man bei einem Buch gar nicht damit rechnet.

Die Beziehung zwischen Henny und Shanti ist noch so ein Punkt, von dem ich nicht so ganz weiß, wie ich über ihn denken soll. Einerseits kann man in Personen nicht hineinschauen und im Nachhinein auch schlecht beurteilen, wie ihre Gefühle zueinander waren. Andererseits habe ich beim Lesen mehr und mehr den Eindruck gewonnen, dass es sich – zumindest auf Hennys Seite – nur um eine Zweckehe handelte, da einfach sonst niemand aus ihrem Bekanntenkreis mehr da war. Wenn dieses Buch dann als “große Liebesgeschichte, die ein Jahrhundert umspannt” beworben wird, fühle ich mich als Leser etwas betrogen, da die große Liebe für mich nicht zu spüren war.

Positiv ist natürlich die schöne Aufmachung des Buches. Ich habe das Hardcover gelesen und da ist schon allein das Cover ein Highlight. Es ist ein kleines “Fenster” hineingeschnitten, durch das man ein Foto von Shanti und Henny sehen kann, das auf dem Vorsatzpapier aufgedruckt ist. Außerdem sind mehrere Fotos enthalten und einige Briefe oder Dokumente sind im Original abgedruckt.

Abschließend lässt sich auch noch sagen, dass Vikram Seth sicherlich ein beeindruckender Autor ist. Sprachlich ist das Buch sehr ansprechend und ich kann mir gut vorstellen, dass ein anderer Roman von ihm mich mehr überzeugen würde als Zwei Leben.

Für ein Buch, bei dem ich einige Passagen nur überflogen habe, andere dafür sehr gerne gelesen habe und das mich auch sicher nachhaltig beschäftigen wird, vergebe ich :sheep3:

Aravind Adiga – Der weiße Tiger

Der Autor
Aravind Adiga wurde 1974 in Chennai, Indien geboren. Er arbeitet als Journalist und Schriftsteller. Sein erster Roman, “Der weiße Tiger”, gewann 2008 den Booker Prize

Inhalt
Balram Halwai schreibt in sieben aufeinanderfolgenden Nächten Briefe an den Premierminister Chinas, in denen er ihm das Leben in Indien erklärt und gleichzeitig seine eigene Geschichte erzählt, wie er von einem Sklaven zu einem reichen Mann mit einer eigenen Firma wurde.

Meine Meinung
Balram Halwai ist sicherlich kein großer Sympathieträger, sondern ein rücksichtsloser Geschäftsmann, der nur an sich selbst denkt und dabei weder Rücksicht auf seine Familie nimmt, noch auf seinen gutmütigen Arbeitgeber, durch den es ihm erst möglich war, aus seinem Geburtsort zu entfliehen und nach Delhi zu kommen. Und doch erzählt er sehr spannend und mitreißend und immer mit einem leicht ironischen Unterton seine Geschichte.

Durch die Tatsache, dass der Erzähler an einen Ausländer, in diesem Fall den Premierminister von China, schreibt, wird auch uns als Leser viel erklärt, was wir noch nicht über Indien wussten. Sei es über das Kastenwesen, die verschiedenen Religionen oder die Demokratie, die in Indien etwas anders funktioniert, als bei uns im Westen.

Aravind Adiga zeichnet ein Bild von Indien, das nicht ganz mit der glitzernden, schillernden bunten Welt von Bollywood übereinstimmt. Balram Halwai ist dabei einer der wenigen, der vom “Indien der Dunkelheit”, der Welt der Sklaven, Armut, Prostitution, in das “Indien des Lichts” gelangen kann, in die Welt der Reichen, in die Welt derer, die genug Geld haben, um durch Bestechung alle auf ihre Seite zu ziehen.

Fazit: Ein interessantes Buch für alle, die sich für Indien interessieren und eine etwas andere “vom Tellerwäscher zum Millionär”-Geschichte lesen wollen.
4 Sterne

Vikas Swarup – Rupien! Rupien! (Slumdog Millionaire)

Rupien! Rupien! ist ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat und mir Lust gemacht hat, mehr aus und über Indien zu lesen. Allein der Aufbau ist etwas ganz besonderes. Ram macht bei der indischen Version der Quizshow “Wer wird Millionär” mit und zu jeder Frage gibt es eine Episode aus seinem Leben, die erklärt, warum er die Frage beantworten kann.

Auf den ersten Blick hängen die Episoden nicht zusammen, es ist nicht ganz einfach den Überblick zu behalten, wie alt Ram im Moment ist und ob die eine Geschichte vor der anderen spielt oder andersherum. Aber im Laufe des Buches fügen sich die einzelnen Geschichten immer mehr zu einer Ganzheit zusammen und auch am Ende klärt sich noch einiges auf.

Ich denke man muss sich auf das Buch einlassen und einfach hinnehmen, dass es teilweise zu viele Zufälle gibt und sich für Ram fast immer alles zum Guten wendet. Ich habe mich jedenfalls nicht daran gestört und auch das Ende fand ich passend und es ist für mich ein gelungener Abschluss.

Das Buch bringt einem die Kultur Indiens näher, vor allem aber auch das Leben der ärmeren Bevölkerung in den Slums, der Straßenkinder, die jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen etc.

Wer den Film “Slumdog Millionaire” gesehen hat, sollte nicht erwarten, dass die Handlung des Films auch der Handlung des Buches entspricht. Ich denke man muss hier beides als eigenständige Werke sehen, da im Film nur die Rahmenhandlung gleich geblieben ist und viele Episoden abgeändert wurden.

Für mich war das Buch ein echtes Highlight! 5 Sterne