Irvine Welsh – Skagboys

Verlag: Heyne
Erschienen: Oktober 2013
Übersetzung: Daniel Müller
Seiten: 833
ISBN: 978-3453268876

Vor der Lesung von Irvine Welsh auf der Münchner Bücherschau wollte ich gerne sein neuestes Werk “Skagboys” lesen. Die 833 Seiten haben mich zwar sehr viel länger begleitet als geplant, ich habe allerdings jede der vielen Seiten gern gelesen.

Bei “Skagboys” handelt es sich um die Vorgeschichte zu “Trainspotting”, Irvine Welsh hat darin viel Material verarbeitet, das er für seinen Bestseller von 1993 nicht verwenden konnte. Mark Renton und all die anderen bekannten Charaktere sind wieder mit dabei, leben allerdings zu Beginn des Buches ein noch eher normales Leben ohne Drogen. Mark geht zur Uni, führt eine Beziehung und kommt nur an den Wochenenden nach Edinburgh, wo er seine Freunde trifft. Erst nach und nach gerät er auf die schiefe Bahn, probiert zum ersten Mal Heroin und wird schließlich abhängig.

Auch wenn Mark die zentrale Figur in diesem Roman und auch in “Trainspotting” ist, gibt es viele andere Figuren, aus deren Sicht einige Kapitel geschrieben sind. Man liest also nicht nur eine Geschichte, sondern viele verschiedene Geschichten, die durch die darin vorkommenden Personen zusammenhängen. Irvine Welsh schafft es dabei, die verschiedenen erzählenden Figuren auch stilistisch voneinander abzugrenzen. Trotz der Fülle der Charaktere wächst einem im Laufe des Buches jeder einzelne ans Herz und ich habe alle Handlungsstränge mit gleichem Interesse verfolgt.

Im Gegensatz zu “Trainspotting”, in dem alle Figuren schon drogensüchtig sind, schimmert in “Skagboys” immer wieder etwas Hoffnung durch. Mark und seine Freunde leben zeitweise ein relativ normales Leben mit dem ein oder anderen Alkoholexzess, könnten aber durchaus noch die Kurve kriegen. Leider rutschen sie im Laufe des Buches immer weiter ab und wer “Trainspotting” gelesen hat, weiß auch, dass es eigentlich keine Hoffnung gibt. So ist “Skagboys” natürlich auch ein trauriges Buch über eine Generation, die dank hoher Arbeitslosigkeit in Schottland keine andere Perspektive als Kriminalität, Drogen und Alkohol hatte.

Irvine Welsh nimmt kein Blatt vor den Mund und nennt die Dinge beim Namen. Daniel Müller hat das in seiner Übersetzung etwas abgeschwächt, bezeichnet das männliche Geschlechtsteil zum Beispiel als “Bammel”. Damit bin ich auf Dauer nicht glücklich geworden und habe nach der Hälfte des Buches zum englischen E-Book gewechselt. Das ist zwar dank des schottischen Dialektes, in dem Irvine Welsh schreibt, nicht einfach zu lesen, aber man gewöhnt sich daran. Das Original hat mir dann viel besser gefallen als die etwas verklemmt wirkende Übersetzung.

Das Buch hat mich begeistert und über einen längeren Zeitraum begleitet. Wer “Trainspotting” mochte, dem wird bestimmt auch diese ausführliche Vorgeschichte gefallen. Ich würde aber jedem, der es sich zutraut, das englische Original empfehlen. :sheep5:

Irvine Welsh auf der Münchner Bücherschau

Seit gestern läuft die diesjährige Münchner Bücherschau und startete für mich auch gleich mit einer tollen Lesung. Der schottische Autor Irvine Welsh las aus “Skagboys”, seinem kürzlich auf deutsch erschienen Prequel zu Trainspotting. Den deutschen Teil der Lesung und die Moderation übernahm Nagel (der junge Mann war mir zuvor kein Begriff, ist aber offensichtlich Autor und Musiker).

Nach einem etwas nervösen Start wurde die Veranstaltung immer besser. Nagel und Irvine Welsh lasen jeweils zwei Passagen aus dem Roman vor. Zwischendurch wurden Fragen gestellt, die der Autor sehr charmant und mit viel Humor beantwortete. Ich fand es dabei sehr positiv, dass die englischen Antworten nicht lang und breit übersetzt wurden, da so die Veranstaltung nicht unnötig in die Länge gezogen wurde. Für andere mag das aber auch ein Nachteil gewesen sein.

Besonders gut fand ich, dass Nagel auch mehrmals auf die Unterschiede zwischen Übersetzung und Original einging. Ich lese das Buch aktuell auf deutsch, habe mir aber zusätzlich die englische Kindle-Ausgabe gekauft, um vergleichen zu können und manche Kapitel im Original zu lesen. Die viele Umgangssprache und der geschriebene schottische Akzent machen es aber nicht leicht, den englischen Text zu lesen.

Es machte viel Spaß, den beiden zuzuhören, der schottische Akzent von Herrn Welsh war dabei ganz besonderen unterhaltsam. Er war beim Vorlesen total bei der Sache, stand extra auf und gab sogar eine kleine Gesangseinlage, als im Roman gesungen wurde.

Schade war aber mal wieder das Benehmen des Publikums. Sei es die Dame, die zu spät kam und mit hochhackigen Schuhen in die erste Reihe klackerte oder der Herr, der während der Lesung aufstand, vorne an der Bühne vorbeilief um den Saal zu verlassen und kurz darauf auf dem gleichen Weg zurückkam, höflich ist so ein Verhalten nicht, weder den anderen Zuschauern noch dem Autor gegenüber. Ich frage mich immer, warum erwachsene Menschen es nicht schaffen, pünktlich zu einer Veranstaltung zu kommen und dann 90 Minuten auf ihrem Allerwertesten sitzen zu bleiben.

Abgesehen davon war der Abend aber sehr gelungen und ich freue mich auf die beiden anderen Lesungen, die ich in den nächsten Wochen besuchen werde. Ob für euch auch die ein oder andere interessante Veranstaltung dabei ist, könnt ihr im Programm der Münchner Bücherschau nachsehen. Ein Besuch lohnt sich aber auch, ohne zu einer Lesung zu gehen, da man dort ganz entspannt in einer großen Menge an Büchern stöbern kann, mit der so leicht kein Buchladen mithalten kann.