Literarische Weltreise meets Fußball-WM: Gruppe D

Ich hoffe ihr hattet alle ein schönes Wochenende und habt – je nach Vorliebe – viel Fußball geschaut oder viel Lesezeit gehabt! Heute starte ich mit Literaturempfehlungen aus Gruppe D mit Uruguay, Costa Rica, England und Italien in die neue Woche.

Uruguay: Literarisch habe ich mit Uruguay noch keine Erfahrungen gemacht. Dafür habe ich im Bücherregal meiner Eltern “Das kurze Leben” von Carlos Juan Onetti entdeckt, das ich mir bei Gelegenheit ausleihen werde. Wenn euch das Buch näher interessiert, schaut euch doch mal den Wikipedia-Artikel dazu an. Ich werde es sicher nach der Lektüre auch hier vorstellen, aber da ich durch dieses Projekt und die vielen spannenden Kommentare so viele interessante Bücher entdecke, kann ich noch nicht sagen, wann ich es wirklich lesen werde.

Costa Rica: Auch mit Literatur aus Costa Rica habe ich noch keine Erfahrung gemacht, allerdings habe ich im Literaturschock-Forum eine Rezension zu “Der Mönch, das Kind und die Stadt” von Fernando Contreras Castro entdeckt, die mich neugierig gemacht hat. Die Inhaltszusammenfassung liest sich recht ungewöhnlich: Fernando Contreras Castro erzählt die Geschichte vom einäugigen Jungen Polyphem, der in einem Bordell geboren wurde und bei einem Mönch aufwächst. Das könnte durchaus ein Buch nach meinem Geschmack sein.

England: Nach zwei schwierigen Ländern kommt hier dafür ein ganz einfaches. Vermutlich hat jeder schon Bücher aus England gelesen, seien es die Klassiker wie Charles Dickens, Jane Austen und die Brontë-Schwester oder moderne Autoren wie Joanne K. Rowling und Nick Hornby. Ich habe in den Tiefen meines Bücherregales gewühlt und mich schließlich dazu entschieden, euch Neil Gaiman und ganz besonders sein neustes Werk “Der Ozean am Ende der Straße” zu empfehlen. Im Oktober erscheint es endlich auf deutsch, ich habe es letztes Jahr schon auf englisch gelesen und war begeistert. Neil Gaiman hat es mit diesem Buch einmal mehr geschafft, mich in eine fantastische Welt zu entführen. Auf keinen Fall ist dieses Buch nur für Fantasy-Fans oder Jugendliche geeignet!

Italien: Auch Italien ist für mich ein sehr einfaches Land. Da ich schon oft in Italien Urlaub gemacht habe und seit einiger Zeit Italienisch lerne, hat mich auch die italienische Literatur schon immer interessiert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir “Wenn ein Reisender in einer Winternacht” von Italo Calvino. Dabei handelt es sich nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne, sondern um eine Sammlung von Romananfängen, die aber zusammen doch irgendwie eine Geschichte ergeben. Wenn es etwas Aktuelles sein soll, kann ich die Krimi-Reihe von Alessia Gazzola empfehlen. Für mich Krimimuffel findet sie in ihren Büchern rund um die sympathische Assistenzärztin Alice Allevi einen guten Mittelweg zwischen Chick-Lit und einem spannenden Fall, den es aufzuklären gilt. Den zweiten Teil der Reihe, “Herzversagen”, habe ich letztes Jahr auch schon auf dem Blog vorgestellt.

Auch heute interessieren mich wieder eure Empfehlungen zu den vorgestellten Ländern. Allerdings müsst ihr mir nicht alle englischen Autoren auflisten, von denen ihr schon was gelesen habt, das würde dann wohl bei den meisten den Rahmen sprengen ;-)

Das Stendhal-Syndrom oder 3 Wochen Florenz

Wer mir auf Instagram folgt, weiß vermutlich schon, wo ich mich in meiner 3-wöchigen Blogpause aufgehalten habe – ich war in Florenz. Ein Kommentar zu einem meiner Bilder dort machte mich auf das Stendhal-Syndrom aufmerksam, bei dem es sich um eine psychosomatische Störung im Zusammenhang mit kultureller Reizüberflutung handelt. Erstmals wissenschaftlich untersucht wurde dieses Syndrom bei Florenzbesuchern. Ich blieb davon zwar glücklicherweise verschont, war aber vom Besichtigen der vielen Sehenswürdigkeiten der toskanischen Hauptstadt einerseits und dem Besuch einer Sprachschule andererseits so beschäftigt, dass keine Zeit für den Blog blieb.

Nachträgich möchte ich euch aber gern ein bisschen an meinem Toskana-Aufenthalt teilhaben lassen und ein paar Fotos zeigen. Am beeindruckendsten und auffälligsten ist natürlich der Dom “Santa Maria del Fiore”, der von allen Seiten ein schönes Motiv abgibt.

Innen ist der Dom dann überraschend schlicht, beeindruckt hat mich dort aber der Marmorfußboden.

Natürlich gibt es noch viel mehr schöne Dinge in Florenz und ich habe noch viele Fotos gemacht, die ich gerne zeigen möchte. Das werde ich dann nach und nach machen, um euch nicht mit einer Bilderflut zu erschlagen.

Nataša Dragnić – Immer wieder das Meer

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Erschienen: April 2013
Seiten: 368

Nataša Dragnićs Debütroman “Jeden Tag, jede Stunde” war eines meiner Highlights 2011 und ist mir bis heute in guter Erinnerung geblieben. Die Autorin hat mich davon überzeugt, dass nicht jeder Liebesroman kitschig sein muss und trotz aller Vorurteile literarischen Anspruch haben kann. Entsprechend hohe Erwartungen hatte ich an ihren zweiten Roman “Immer wieder das Meer”, der vor wenigen Tagen erschienen ist.

Drei Schwestern – ein Mann, so kann man die Handlung kurz zusammenfassen. Roberta, Lucia und Nannina verlieben sich nacheinander in den Dichter Alessandro Lang, doch nur eine wird ihn am Ende heiraten. Eifersucht und Streitigkeiten innerhalb der Familie sind vorprogrammiert.

In drei Erzählsträngen und Zeitebenen begleitet der Leser die Geschichte der Familie Alessi. Zum einen gibt es den geradlinig erzählten Handlungsstrang rund um die drei Schwestern, der in den 80er Jahren beginnt und sie bis in die heutige Zeit begleitet. In kurzen Einschüben lässt eine Ich-Erzählerin an ihrer Hochzeit mit dem begehrten Alessandro teilhaben. Andere eher kurz gehaltene Kapitel drehen sich hauptsächlich um die Eltern, das Älterwerden und Abschiednehmen. Dabei ist es etwas schwer, die zeitlichen Zusammenhänge im Auge zu behalten, da diese Ereignisse in der Haupthandlung erst viel später passieren.

So sehr mich “Jeden Tag, jede Stunde” mitgenommen hat auf eine emotionale Achterbahnfahrt, ließ mich “Immer wieder das Meer” völlig kalt. Die großen Gefühle, vor allem der Charme des allseits begehrten Alessandro, kamen nicht bei mir an. So war es mir am Ende auch egal, welche der drei Schwestern ihn heiraten würde (zumal ich mit meiner Vermutung, die ich seit dem ersten Kapitel hatte, richtig lag).

Vermutlich bin ich mit zu hohen Erwartungen an das Buch herangegangen, die einfach nicht erfüllt werden konnten. Wer leichte Sommer-Sonne-Strand-Lektüre mit ein bisschen Familiendrama sucht und sich von den Zeitsprüngen nicht abschrecken lässt, wird vermutlich seinen Spaß haben. Ich fand das Buch leider nur mittelmäßig. :sheep3:

Marco Balzano – Damals, am Meer

Verlag: Kunstmann
Erschienen: Juni 2011
Originaltitel: Il figlio del figlio
Übersetzung: Maja Pflug
Seiten: 224
Marco Balzano lässt uns in seinem Debütroman an einem Roadtrip der etwas anderen Art teilhaben. Nicola hat gerade sein Studium beendet und anstatt mit seinen Freunden auf Reisen zu gehen, fährt er mit seinem Vater und seinem Großvater ans Meer. Seine Großeltern haben dort früher gewohnt und die Wohnung, die einige Zeit noch als Feriendomizil genutzt wurde, ist immer noch in ihrem Besitz. Seit die Wohnung immer mehr verfällt und die Familie sich mit Mailand als neuem Wohnsitz arrangiert hat, sind die Besuche am Meer immer seltener geworden.

Nun soll diese Wohnung verkauft werden und Nicola macht sich mit seinem Vater und Großvater auf den Weg, um den Verkauf abzuschließen.”Damals, am Meer” erzählt keine große Geschichte, die Handlung spielt sich sehr stark in den zwischenmenschlichen Beziehungen ab. Die Fronten zwischen den Generationen und den verschiedenen Familienmitgliedern sind verhärtet, keiner bringt Verständnis für den anderen auf. Am Anfang führt fast jeder Satz zum Streit. Keiner der drei Protagonisten kann die Meinung der anderen Generation verstehen und akzeptieren. Im Laufe des Buches finden kleine Annäherungen statt, aber das nächste Streitgespräch droht, alles wieder zunichte zu machen.

Marco Balzano präsentiert uns in seinem Werk ein mir unbekanntes Italien. Als Tourist lernt man die negativen Seiten des Landes nicht kennen, doch dem Leser zeigt sich hier die ungeschminkte Wahrheit. Die traditionelle Rollenverteilung existiert nicht mehr, Großeltern wissen mit ihrem Leben nichts mehr anzufangen, wenn die Enkelkinder aufgezogen sind, alle fliehen vom Dorf in die Großstadt und wer zurückbleibt, scheint sich mit einem Leben zweiter Klasse zufrieden zu geben. Zusätzlich spürt man auf jeder Seite die drückende Hitze des italienischen Sommers, die vor allem für den Großvater zur Belastung wird.

Es stecken viele interessante Gedanken in diesem Buch und auch sehr viel Information auf wenig Raum. Auf nur 224 Seiten lernen wir Nicola und seine Familie kennen, erfahren viel über die Vergangenheit und begleiten auch noch die Reise der 3 Generationen. Es lohnt sich, das Buch langsam und mit voller Konzentration zu lesen, da man sonst immer wieder Kleinigkeiten übersieht.

:sheep5: für diese wunderbare Familiengeschichte!

Lara Cardella – Ich wollte Hosen

Inhalt
Annetta wächst in den 70er Jahren auf Sizilien auf. Ihr größter Wunsch ist es, Hosen tragen zu dürfen, das ist ihr sogar wichtiger, als ihren Traummann zu finden. Das ist auch kein Wunder, denn von den Männern erfährt sie nur Verachtung und Unterdrückung, ihr Vater und ihr Bruder nehmen Frauen nicht als Personen wahr, sondern halten sie für Untergeordnet. Häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung. Annetta versucht, diesem Leben zu entfliehen…

Meine Meinung
Vorweg muss ich sagen, dass ich das Buch auf Italienisch gelesen habe und deshalb vielleicht nicht alles zu 100% verstanden habe.
Vor allem am Anfang fand ich das Buch sehr witzig und gar nicht so, wie ich es erwartet hätte. Annettas Versuche und Herangehensweisen, um endlich Hosen tragen zu dürfen, sind sehr absurd und waren amüsant zu lesen.
Im Laufe des Buches bleibt einem das Lachen aber im Halse stecken. Man erfährt eine überraschende Tatsache aus Annettas Vergangenheit, die ihr Verhalten allerdings gut erklärt.
Egal was Annetta erzählt, ihr Ton ist eher gleichgültig und auch ihr Verhalten bleibt die meiste Zeit sehr passiv. Das kann man als “moderne Frau” nicht ganz verstehen, auch wenn ihr Hintergrund und ihr Umfeld ganz anders sind, als unseres heute. Am Anfang hatte ich noch mehr das Gefühl, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nimmt, doch gegen Ende wird sie immer passiver.
Das Buch ist sehr aufwühlend und gibt ganz andere Einblicke in das Italien der 70er Jahre als zumindest ich sie erwartet hätte. Teilweise war Annettas Geschichte sehr bedrückend zu lesen und auch das Ende hat mich nicht gerade begeistert.
Allgemein hat das Buch mich aber ganz gut unterhalten und es war durchaus interessant. Und da ich stolz auf mich bin, das erste richtige Buch auf Italienisch gelesen zu haben, will ich mit der Bewertung mal etwas großzügiger sein: 3,5 Sterne