Margaret Atwood – Der blinde Mörder

In “Der blinde Mörder” werden zwei Geschichten parallel erzählt. Zum einen erzählt die 82jährige Iris Chase von ihrem Leben, von ihrer Schwester Laura, die sich als Jugendliche das Leben nahm, und ihrer Ehe. Zum anderen liest man Ausschnitte eines Buches von Laura Chase, das posthum veröffentlicht wurde.

Iris’ Geschichte ist ein gewöhnlicher Familienroman mit viel Liebe, Herzschmerz und Drama. Wäre dieser Teil die einzige Handlung gewesen, hätte ich das Buch wohl nicht zu Ende gelesen. Vieles wird da zu ausführlich beschrieben, einige Passagen waren sehr langatmig und uninteressant, vor allem, da man ja von Anfang an weiß, auf was alles hinausläuft, nämlich Lauras Selbstmord.

Ein Lichtblick waren deshalb für mich immer die (deutlich kürzeren) Passagen aus Lauras Buch. Eine Frau trifft sich mit ihrem Liebhaber, der ihr wiederum Geschichten von einer fremden Welt erzählt. Diese Teile haben mich sehr berührt, die Verzweiflung der Frau war sehr gut nachzufühlen, wenn sie sich mal wieder heimlich zu ihrem Geliebten schleicht, der sich vor einem nicht näher genannten Feind verstecken muss.

Die Aufllösung, wie diese beiden Geschichten am Ende zusammenhängen, war nicht so spektakulär und genial, wie ich es mir eigentlich gedacht hätte. Alles fügt sich zusammen und das Ende rundet die Handlung logisch ab, aber irgendwie hätte ich trotzdem etwas mehr Überraschung erwartet.

Margaret Atwoods Stil hat mich dafür ein weiteres Mal beeindruckt. Ich mag es einfach, wie klar und nüchtern sie schreibt und trotzdem kann man sich in die Personen einfühlen und ihre Handlungen nachvollziehen. Die Figuren werden durch ihre Beschreibungen lebendig.

Meiner Meinung nach hätte man das Buch um gut ein Drittel kürzen können, die Geschichte hätte man trotzdem locker untergebracht und einige langweilige Passagen wären entfallen. Mein Fazit also: Handlung naja, Schreibstil toll und dafür gibt es 3 Sterne.

Margaret Atwood – Gute Knochen

Enthalten sind verschiedenste Kurzgeschichten, da unterhält sich Hamlets Mutter mit ihrem Sohn, eine reinkarnierte Fledermaus spricht über ihre Erfahrungen, ein menschenforschender Falter berichtet von seinen Beobachtungen, man erhält eine Anleitung, wie man sich einen Mann bastelt etc.

Die Geschichten sind alle sehr skurril, teilweise witzig, teilweise etwas männerfeindlich und immer sehr intelligent. Thematisiert werden, wie schon erwähnt, sehr verschiedene Dinge, die Rolle der Frau und die Emanzipation stehen öfter im Mittelpunkt und auch Märchen werden öfter als Grundlage aufgegriffen.

Die einzelnen Geschichten sind sehr kurz, meist nur wenige Seiten, so ist es auch nicht schlimm, wenn einem eine Geschichte nicht so sehr zusagt. Mir haben jedenfalls die meisten sehr gut gefallen, mein Favorit ist die “Stümpfejagd”.

4 Sterne

Margaret Atwood – Der Report der Magd

Zum Inhalt muss ich wohl auch nicht weiter was sagen.

In klaren und einfachen Sätzen erzählt die Magd Desfred von ihrem Leben. Durch diese Perspektive erfährt man zwar nicht viel über den Staat Gilead, aber dafür liest man einen authentischen Bericht von einer Person, die mitten im Geschehen steckt. Mich hat das Buch sehr bewegt und auch ganz schön mitgenommen. Das eingeschränkte Leben, das Desfred führt ist sehr trostlos und ihr wird auch noch jede Möglichkeit genommen, dieses Leben zu beenden. Der Geschlechtsakt, der die Routine durchbricht ist allerdings auch alles andere als eine erfreuliche Abwechslung.

Desfred erzählt nicht geradlienig, immer wieder gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, eine Zeit vor Gilead, eine Zeit, die unserer sehr ähnlich ist. Gerade das ist das beängstigende. Man sieht wie schnell der Wechsel von unserer jetzigen Gesellschaft in eine wie Gilead vollzogen werden könnte und wie wenig Möglichkeiten man dann noch zum Widerspruch, zur Flucht, zum Entkommen hat.

“Der Report der Magd” ist ein Buch, das mich noch lange beschäftigen wird. Obwohl ich mich an manchen Stellen zum Weiterlesen zwingen musste, weil ich manche Dinge lieber nicht gewusst hätte, konnte ich das Buch doch nicht mehr aus der Hand legen, ich habe mit Desfred gefühlt und gelitten und war erfreut über das offene Ende, das noch einen Funken Hoffnung zurücklässt.

5 Sterne