Victor Lodato – Mathilda Savitch

Verlag: C.H.Beck
Erschienen: 2009
Übersetzung: Grete Osterwald
Seiten: 301
ISBN: 978-3406590740

Dieses Buch hat mir mal wieder gezeigt, dass ein schönes Cover nicht alles ist. So begeistert ich von der schönen Gestaltung bin, so enttäuscht war ich von der eigentlichen Geschichte.

Mathilda Savitch ist 13 und hat vor einem Jahr ihre Schwester verloren. Ein Fremder, den man bis heute nicht gefasst hat, hat sie vor einen Zug gestoßen. Der ganzen Familie fällt es schwer, diesen Verlust zu verarbeiten, Mathilda hat dabei aber eine andere Herangehensweise als ihre Eltern. Sie möchte Dinge gerne ansprechen, während die Eltern die verstorbene Schwester kaum noch erwähnen, ihre persönliche Gegenstände verstecken.

Mathilda erzählt ihre Geschichte selbst, man merkt ihr in jedem Satz ihre Zerrissenheit an. Zum einen steckt sie mitten in der Pubertät, macht sich viele Gedanken über ihre Wirkung auf Jungen und das Erwachsenwerden, zum anderen kämpft sie mit der schwierigen Familiensituation. Bei mir kam leider zu keinem Zeitpunkt Verständnis oder Mitgefühl auf. Mathilda ist die unsympathischste Protagonistin, die mir seit langem untergekommen ist. Ihre Gedanken sind für mich nicht nachvollziehbar, ihre Handlungsweise nervig. Auch das Verhalten der Eltern ihrer Tochter gegenüber konnte ich nicht verstehen.

Einige Begleitumstände des Todes ihrer Schwester, die Mathilda im Laufe des Buches herausfindet, waren für mich vorhersehbar und schon zu Beginn offensichtlich. Es gab also auch keine Spannung oder überraschenden Wendungen für mich. Irgendwo in diesem für mich nervigen Buch steckt sicherlich eine interessante und tieftraurige Geschichte. Durch die Perspektive und Mathildas nervige Erzählweise hat mich diese allerdings nicht berührt, sondern relativ kalt gelassen.

Für mich ist “Mathilda Savitch” eine recht durchschnittliche Coming-of-Age-Geschichte mit einer anstrengenden und nervigen Erzählerin, die die eigentliche Handlung in den Hintergrund drängt. :sheep2:

Ian McEwan – On Chesil Beach

Verlag: Vintage
Erschienen: 2008
Auf Deutsch: Am Strand
Seiten: 166
ISBN: 978-0099512790

Ein junges, unerfahrenes Paar, eine bevorstehende Hochzeitsnacht, diverse unaussprechliche Ängste und Erwartungen – für unsere sexuell emanzipierte Generation ist diese Situation kaum vorstellbar. Für Edward und Florence im Jahr 1962 ist das allerdings die Realität. Sie haben gerade geheiratet und sind kurz davor, in einem Hotel ihre erste gemeinsame Nacht zu verbringen. Während Edward sich nur mit Versagensängsten quält, ist für Florence der Gedanke an körperliche Liebe allgemein abstoßend. Und da ein Gespräch über die Situation unmöglich scheint, steuern die beiden Schritt für Schritt auf die unvermeidbare Katastrophe zu.

Sehr einfühlsam zeichnet Ian McEwan das junge Paar, beschreibt abwechselnd ihr Innenleben. Er führt den Leser auch in die Vergangenheit des Paares, erzählt von der jeweilige Kindheit und dem Kennenlernen. Gerade einmal 166 Seiten braucht er dafür, weshalb “On Chesil Beach” auch eine unheimlich dichte Erzählung ist, vollgepackt mit Gefühlen und Gedanken, die mich als Leser mitgerissen haben, obwohl die ganze Situation aus meiner heutigen Sicht schwer vorstellbar ist. Ian McEwan versetzt sich gleichermaßen in die Lage von Florence und von Edward und vermittelt die unterschiedlichen Sorgen der beiden sehr nachvollziehbar.

Mir hat “On Chesil Beach” sehr gut gefallen, die eher knappen Erzählungen aus der Vergangenheit, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss, ergänzen sich gut mit der Ausführlichkeit des Hochzeitstages. Nach “Abbitte” war dies mein zweites Buch von Ian McEwan, aber sicher nicht mein letztes. :sheep4:

Robin Sloan – Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Verlag: Karl Blessing Verlag
Erschienen: März 2014
Übersetzung: Ruth Keen
Seiten: 350
ISBN: 978-3896674807

Clay Jannon ist auf Arbeitssuche und stolpert eher zufällig in die rund um die Uhr geöffnete Buchhandlung von Mr. Penumbra, wo er die Nachtschicht übernimmt. Schon bald merkt er, dass seltsame Dinge vor sich gehen, es gibt wenige Kunden, die meisten leihen sich nur seltsame Bücher aus dem hinteren Teil des Ladens aus. Zusammen mit seinen Freunden und einer ganzen Menge moderner Technik macht er sich auf die Suche nach des Rätsels Lösung.

Was als ein bibliophiles Werk mit einer wundervollen Buchhandlung beginnt, wird schnell zu einer Hommage an das Computerzeitalter. Google wird nicht nur einmal als alleskönnende Supermacht beschrieben und Rätsel, die Gelehrte in mehreren hundert Jahren nicht lösen konnten sollen von ein paar Programmierern in Sekunden geknackt werden. Das ist sehr schade, weil es auch dem Leser den Spaß verdirbt. Man kennt es doch, dass ein Protagonist auf seinem Abenteuer mit ein paar Schwierigkeiten konfrontiert wird, bei Robin Sloan ist jede Problemlösung allerdings nur einen Mausklick weit entfernt. Als das große Geheimnisse der letzten Jahrhunderte endlich entschlüsselt ist, wirkt es dann auch erstaunlich banal für den ganzen Aufwand, der betrieben wurde.

Clay Jannon als wunderbar ironischer Erzähler hat mir dafür sehr gut gefallen. Er ist selbst gefangen zwischen Tradition, echten Büchern, dem Charme der Buchhandlung Penumbras und dem Zeitalter von Computer und Internet. Trotz aller Technikaffinität spürt man immer wieder seine Liebe zu Büchern, was ihn mir natürlich zusätzlich sympathisch machte. Auch die anderen Figuren sind wirklich witzig und charakterlich ansprechend, weshalb ich trotz aller Kritik an der Handlung doch Spaß mit dem Buch hatte.

Schade ist allerdings auch, dass ständig indirekt Werbung gemacht wird für Google, Amazon und Apple. Das kann man auch nicht mehr damit erklären, dass Worte wie “googeln” in unseren Sprachgebrauch eingegangen sind und hinterlässt für mich deshalb einen faden Beigeschmack.

Robin Sloan hat mit “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” einen unterhaltsamen Roman über ein uraltes Rätsel geschrieben, legt den Schwerpunkt aber zu stark auf Computer und Technik um wirklich “Eine Bezaubernde Liebeserklärung an die Welt der Bücher” (New York Times) geschrieben zu haben. :sheep3:

 

Elizabeth Strout – Das Leben natürlich

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen: September 2013
Originaltitel: The Burgess Boys
Übersetzung: Sabine Roth, Walter Ahlers
Seiten: 400
ISBN: 978-3630873442

Bob und Jim Burgess sind in einer Kleinstadt in Maine aufgewachsen, aber so bald sie konnten nach New York gezogen. Das Kleinstadtleben wollten sie für immer hinter sich lassen. Ihre Schwester Susan ist geblieben und als ihr Sohn Zach in Schwierigkeiten gerät, machen sich die Burgess Boys auf den Weg in die alte Heimat. Dort angekommen müssen sie feststellen, dass sich Vieles verändert hat, zahlreiche Einwanderer aus Somalia mischen sich unter die ursprüngliche Bevölkerung. Durch deren Kultur und Religion entstehen diverse Konflikte.

Elizabeth Strout hat sich mit diesem Roman viel vorgenommen. Nicht nur schildert sie verschiedenste Familiendramen  (ein Kindheitstrauma, Probleme eines Scheidungskindes, Eheprobleme, Rivalität unter Geschwistern…), sie wagt sich auch an das schwierige Thema von Einwanderung und Integration. Auf mich wirkte “Das Leben natürlich” trotzdem an keiner Stelle überladen, die verschiedenen Themen fügen sich gut in die Handlung ein.

Auch die vielen Personen und verschiedenen Sichtweisen haben mir gut gefallen. Elizabeth Strout schreibt nicht nur aus der Perspektive der drei Burgess-Geschwister und ihrer (Ex-)Partner, sondern zum Beispiel auch aus Sicht eines Somali-Einwanderers. Zachs Schwierigkeiten, die den Ausgangspunkt der Handlung lieferten, geraten dadurch zwar hin und wieder in den Hintergrund, aber auch die anderen Geschichten, die in “Das Leben natürlich” erzählt werden, sind durchaus lesenswert.

Auch wenn Vieles schief läuft im Leben von Elizabeth Strouts Protagonisten, hatte ich beim Lesen durchgehend ein sehr positives Gefühl. Die Kleinstadt, in der sich zwar Vieles verändert hat, Anderes aber auch immer so bleiben wird, wie es einmal war, strahlt eine Geborgenheit aus, die einen die Schicksalsschläge der Figuren immer wieder vergessen lässt. Das hektische New York, in das die Handlung immer wieder springt, wirkt als Kontrast und verstärkt den Charme der Kleinstadt in meinen Augen nur noch.

Ein “Wohlfühlbuch” ist “Das Leben natürlich” zwar nicht gerade, ich hatte aber viel Freude mit der Lektüre und bin gespannt auf andere Werke von Elizabeth Strout. :sheep4:

Irvine Welsh – Skagboys

Verlag: Heyne
Erschienen: Oktober 2013
Übersetzung: Daniel Müller
Seiten: 833
ISBN: 978-3453268876

Vor der Lesung von Irvine Welsh auf der Münchner Bücherschau wollte ich gerne sein neuestes Werk “Skagboys” lesen. Die 833 Seiten haben mich zwar sehr viel länger begleitet als geplant, ich habe allerdings jede der vielen Seiten gern gelesen.

Bei “Skagboys” handelt es sich um die Vorgeschichte zu “Trainspotting”, Irvine Welsh hat darin viel Material verarbeitet, das er für seinen Bestseller von 1993 nicht verwenden konnte. Mark Renton und all die anderen bekannten Charaktere sind wieder mit dabei, leben allerdings zu Beginn des Buches ein noch eher normales Leben ohne Drogen. Mark geht zur Uni, führt eine Beziehung und kommt nur an den Wochenenden nach Edinburgh, wo er seine Freunde trifft. Erst nach und nach gerät er auf die schiefe Bahn, probiert zum ersten Mal Heroin und wird schließlich abhängig.

Auch wenn Mark die zentrale Figur in diesem Roman und auch in “Trainspotting” ist, gibt es viele andere Figuren, aus deren Sicht einige Kapitel geschrieben sind. Man liest also nicht nur eine Geschichte, sondern viele verschiedene Geschichten, die durch die darin vorkommenden Personen zusammenhängen. Irvine Welsh schafft es dabei, die verschiedenen erzählenden Figuren auch stilistisch voneinander abzugrenzen. Trotz der Fülle der Charaktere wächst einem im Laufe des Buches jeder einzelne ans Herz und ich habe alle Handlungsstränge mit gleichem Interesse verfolgt.

Im Gegensatz zu “Trainspotting”, in dem alle Figuren schon drogensüchtig sind, schimmert in “Skagboys” immer wieder etwas Hoffnung durch. Mark und seine Freunde leben zeitweise ein relativ normales Leben mit dem ein oder anderen Alkoholexzess, könnten aber durchaus noch die Kurve kriegen. Leider rutschen sie im Laufe des Buches immer weiter ab und wer “Trainspotting” gelesen hat, weiß auch, dass es eigentlich keine Hoffnung gibt. So ist “Skagboys” natürlich auch ein trauriges Buch über eine Generation, die dank hoher Arbeitslosigkeit in Schottland keine andere Perspektive als Kriminalität, Drogen und Alkohol hatte.

Irvine Welsh nimmt kein Blatt vor den Mund und nennt die Dinge beim Namen. Daniel Müller hat das in seiner Übersetzung etwas abgeschwächt, bezeichnet das männliche Geschlechtsteil zum Beispiel als “Bammel”. Damit bin ich auf Dauer nicht glücklich geworden und habe nach der Hälfte des Buches zum englischen E-Book gewechselt. Das ist zwar dank des schottischen Dialektes, in dem Irvine Welsh schreibt, nicht einfach zu lesen, aber man gewöhnt sich daran. Das Original hat mir dann viel besser gefallen als die etwas verklemmt wirkende Übersetzung.

Das Buch hat mich begeistert und über einen längeren Zeitraum begleitet. Wer “Trainspotting” mochte, dem wird bestimmt auch diese ausführliche Vorgeschichte gefallen. Ich würde aber jedem, der es sich zutraut, das englische Original empfehlen. :sheep5: