Rasha Khayat – Weil wir längst woanders sind

Rasha Khayat - Weil wir längst woanders sind“Irgendwo muss man ja mal reinpassen, ohne sich so wahnsinnig anzustrengen.”

Leyla und Basil sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Als Kinder eines Saudi-Arabischen Vaters und einer Deutschen Mutter sind sie nach dem gemeinsamen Umzug der Familie von Saudi-Arabien nach Deutschland und einem Schicksalsschlag stark aufeinander angewiesen, leben auch als Erwachsene noch gemeinsam in einer WG. Umso unverständlicher ist es für Basil, als Leyla plötzlich ihr Leben in Deutschland hinter sich lässt, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln macht und in der alten Heimat heiraten will. Basil, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, reist mit gemischten Gefühlen zur Hochzeit seiner Schwester.

Rasha Khayat schafft es, in starken und intensiven Bildern die Geschichte von Leyla und ihrer Familie zu erzählen. In kurzen Kapiteln springt sie mit den Lesern von Kindheitserinnerungen über Rückblenden auf das Leben der Eltern hin zu den aktuellen Geschehnissen. Aus diesem Flickenteppich an Bildern und Erinnerungen ergibt sich schließlich ein faszinierendes Gesamtbild. Die Geschichte lebt für mich von ihrer Kürze. Rasha Khayat hält sich nicht mit langen Erklärungen auf und auch das Ende bleibt relativ offen. Ob Leyla schließlich mit ihrer Entscheidung glücklich wird, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Da ich mich schon länger für die arabische Welt interessiere, fand ich natürlich die Hochzeitstraditionen und die Familien- und Geschlechterrollen sehr spannend. Manche Vorurteile von Basil und uns Lesern werden zwar bestätigt, andererseits ist einiges sehr viel westlicher und moderner, als wir erwarten würden. Auch die Zerrissenheit von Leyla, die aus ihren zwei Heimatländern und dem Gefühl, nirgends richtig zuhause zu sein, resultiert, fand ich spannend dargestellt.

Insgesamt hat mich hat mich Rasha Khayats Debutroman aufgrund der starken Sprache, der spannenden Geschichte und der authentischen Figuren überzeugt und ich würde mich freuen, bald mehr von ihr zu lesen. :sheep5:

Rasha Khayat – Weil wir längst woanders sind – Dumont – 192 Seiten – Erschienen 03/2016
ISBN: 978-3832198145

Francis Bebey – Das Regenkind

Das Regenkind - Francis Bebey“Weißt du eigentlich, dass du aussiehst wie das Regenkind? Verschwinde hier!” Das bekommt der fünfjährige Muana von seinem älteren Cousin Yango an den Kopf geworfen. Seine geduldige Großmutter muss ihm daraufhin die Geschichte des Regenkindes, das vor vielen Jahren ins Dorf kam und den Regen mitgebracht hat, erzählen.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der Radios und Schallplattenspieler als Wunderwerk angesehen werden in einem kleinen Dorf im afrikanischen Kamerun. Muana verbringt viel Zeit bei seiner Großmutter, löchert sie mit Fragen und bekommt Antworten, die sich zwischen Lebensweisheit und Aberglaube einpendeln. Einige Jahre seiner Kindheit darf ihn der Leser begleiten, seine Geschichte verfolgen und ihn beim Erwachsenwerden beobachten. Dabei macht sich Muana viele tiefgreifende Gedanken, stellt viele Fragen und erzählt seine eigene Geschichte auf sehr sympathische Art und Weise.

Das Buch hat nur 168 Seiten, aber doch hatte ich das Gefühl, Muana lange Zeit begleitet zu haben. Die Kinderperspektive macht viel Spaß und auch wenn die Verhältnisse, in denen Muana lebt, ganz andere sind, als unsere in Deutschland, fühlt man sich doch an die eigene Kindheit erinnert, als man zwar unbedingt erwachsen werden wollte, aber lieber nicht in die Schule gehen und man die Gespräche der Erwachsenen noch nicht richtig verstehen konnte.

“Das Regenkind” ist ein warmherziges Buch, das Einblicke in eine Kindheit in einer Zeit und Kultur gibt, die uns sehr fremd scheint, aber doch näher ist, als wir denken. Ich freue mich, dass ich dieses Buch für die Station Kamerun auf meiner Literarischen Weltreise ausgesucht habe! :sheep5:

Francis Bebey – Das Regenkind – Hammer Verlag – 168 Seiten – Erschienen 1997
ISBN: 978-3872947420

Literarische Weltreise: Gruppe der Herzen

Nachdem ich euch jetzt in acht Beiträgen Literatur aus allen Teilnehmerländern der WM vorgestellt habe, möchte ich heute meine “Gruppe der Herzen” präsentieren. Darin sind die Länder enthalten, die zwar nicht bei der WM dabei waren, mich auf meiner literarischen Weltreise aber sehr beeindruckt haben.

Afghanistan: Ich weiß gar nicht so genau, warum mich Afghanistan so sehr interessiert. Leider gibt es nicht sehr viel Literatur aus diesem Land und ich stürze mich auf alles, was ich kriegen kann. Khaled Hosseini ist in Deutschland vermutlich der bekannteste afghanische Autor, obwohl er nur wenige Jahre in seinem Heimatland gelebt hat. Seinen neuesten Roman “Traumsammler” habe ich noch nicht gelesen, “Drachenläufer” und “Tausend strahlende Sonnen” mochte ich aber sehr gerne.
Atiq Rahimi ist leider nicht so bekannt, obwohl ich seine Bücher noch viel lieber mag. 2013 erschien “Verflucht sei Dostojewski”, in welchem der Autor die Geschichte von Dostojewskis “Verbrechen und Strafe” in das Kabul der Jetzt-Zeit versetzt hat. Sehr empfehlenswert ist auch “Stein der Geduld”, ebenso wie die gleichnamige Verfilmung, das die Geschichte einer Frau erzählt, die erst dann offen mit ihrem Mann sprechen kann, als er im Koma liegt.

Norwegen: Vor einigen Jahren habe ich die vier Romane von Ingvar Abmjörnsen gelesen, die sich um den psychisch kranken Elling drehen, der nach dem Tod seiner Mutter auf sich allein gestellt ist. Die Reihe begleitet Elling über mehrere Jahre und in verschiedenen Situationen. Sein etwas andersartiger Blick auf die Welt und allerlei skurrile Situationen, in die er gerät, machen die Bücher unterhaltsam und lesenswert. Ellings Erkrankung steht trotz vieler humorvoller Passagen immer als große Bedrohung im Hintergrund. Die einzelnen Titel lauten “Ausblick auf das Paradies”, “Ententanz”/”Nicht ohne meine Mutter”, “Blutsbrüder”, “Lieb mich morgen”.

China: Xinran erzählt in “Die namenlosen Töchter” von einer Familie mit sechs Töchtern. Die Mädchen haben keine Namen, sondern werden einfach mit Nummern gerufen. Das allein zeigt schon, welch niedrigen Stellenwert sie in der Familie und der Gesellschaft einnehmen. Drei dieser Töchter ziehen allerdings in die Stadt und finden – jede auf ihre eigene Art – ihr persönliches Glück und können dadurch den Eltern beweisen, dass nicht nur Söhne zum Lebensunterhalt beitragen können. “Die namenlosen Töchter” ist eine berührende Geschichte einer chinesischen Großfamilie und erzählt viel von chinesischen Bräuchen und dem Unterschied zwischen Stadt und Land.

Sudan: Ein weiteres Buch, das viele Jahre nach der Lektüre noch sehr präsent bei mir ist, ist “The Translator” von Leila Aboulela. Darin wird die Liebesgeschichte zwischen der sudanesischen Übersetzerin Sammar und ihrem Vorgesetzten, einem Nicht-Moslem, erzählt. Aus Angst vor Sammars Familie und Tratschereien der Kollegen passiert die Annäherung zwischen den beiden sehr langsam und vorsichtig. “The Translator” ist ein sehr subtiles Buch, bei dem man das ein oder andere Mal zwischen den Zeilen lesen muss.

Und jetzt seid ihr dran! Habt ihr Empfehlungen aus den vier von mir genannten Ländern oder aus Ländern, die noch nicht genannt wurden?

Hier nochmal eine Übersicht über meine Serie “Literarische Weltreise meets Fußball-WM”:

Gruppe A – Brasilien – Kroatien – Mexiko – Kamerun
Gruppe B – Spanien – Niederlande – Chile – Australien
Gruppe C – Kolumbien – Griechenland – Elfenbeinküste – Japan
Gruppe D – Uruguay – Costa Rica – England – Italien
Gruppe E – Schweiz – Ecuador – Frankreich – Honduras
Gruppe F – Argentinien – Bosnien-Herzegowina – Iran – Nigeria
Gruppe G – Deutschland – Portugal – Ghana – USA
Gruppe H – Belgien – Algerien – Russland – Südkorea

Und hier noch die  komplette bisherige Literarische Weltreise.

Literarische Weltreise meets Fußball-WM: Gruppe H

Kaum zu glauben, heute ist schon die letzte Gruppe an der Reihe. Es fehlen nur noch die Empfehlungen aus Gruppe H mit Belgien, Algerien, Russland und Südkorea.

Belgien: Die einzige belgische Autorin, die ich kenne, ist Amélie Nothomb. Bisher habe ich nur “Methaphysik der Röhren”  von ihr gelesen und das hat mir sehr gut gefallen. Amélie Nothomb erzählt darin aus der Sicht eines kleinen Mädchens deren erste Lebensjahre. Eine ungewöhnliche Perspektive und eine interessante Idee! Ich muss mich wohl mal nach den anderen Werken der Autorin umsehen.

Algerien: Meine literarische Reise nach Algerien habe ich mit Yasmina Khadra unternommen. Dieser weibliche Name ist allerdings das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Von ihm habe ich schon “Die Schwalben von Kabul” gelesen, in dem er eine Geschichte aus Afghanistan in den 90er Jahren erzählt. “Die Schuld des Tages an die Nacht”, der zweite Roman, den ich von ihm gelesen habe, spielt in Algerien. Darin erzählt er die Geschichte eines kleinen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der in höchster Not zu seinem reichen Onkel gebracht wird und dann dort aufwächst. Gleichzeitig mit dem Protagonisten verändert sich auch Algerien, man liest also nicht nur die Geschichte eines jungen Mannes, sondern gleichzeitig auch die Geschichte eines Landes. Leider hatte ich einige Kritikpunkte und war nicht komplett überzeugt von diesem Buch.

Russland: Ich hatte eine Phase, in der ich sehr gerne russische Klassiker gelesen habe. Mein Favorit aus dieser Zeit ist noch immer “Eugen Onegin” von Alexander Puschkin. Eine tragische Liebesgeschichte in Versform, was will man mehr? Auch “Verbrechen und Strafe” von Fjodor Dostojewski und “Anna Karenina” von Lew Tolstoi haben mir sehr gut gefallen. Einige andere Klassiker stehen noch ungelesen im Regal, unter anderem “Krieg und Frieden”.
Außerdem hat mir die Wächter-Reihe von Sergei Lukjanenko sehr gut gefallen. Dabei handelt es sich um eine Fantasy-Reihe, in der es ganz klassich um Gut gegen Böse geht, allerdings unter dem Aspekt, dass die normalen Menschen nichts von den magiebegabten “Anderen” erfahren sollen. Dadurch dass die Geschichten in Russland spielen, hatten sie auf mich eine ganz andere Wirkung als andere Fantasyromane. Auch die Verfilmung des ersten Teils “Wächter der Nacht” fand ich sehr gelungen.

Südkorea: Ich habe “Die Geschichte des Herrn Han” von Hwang Sok-yong gelesen. Darin wird die Geschichte eines Arztes während des Koreakrieges erzählt. Da allerdings sehr nüchtern und beinahe in Bericht-Form erzählt wird, bleibt man als Leser auf Distanz und kann die Schrecken besser verarbeiten (ich bin diesbezüglich etwas empfindlich, gerade wenn es um Folter geht). Allerdings ist die Geschichte auch nicht sehr spezifisch koreanisch und hätte auch in anderen Ländern genau so stattfinden können.

Ich bin auch heute gespannt auf eure Empfehlungen. Morgen wird es einen letzten Beitrag dieser Reihe geben, und zwar mit der “Gruppe der Herzen”. Darin möchte ich euch gerne eine Auswahl meiner Lieblingsbücher aus Ländern, die nicht bei der WM dabei sind, empfehlen.

Literarische Weltreise meets Fußball-WM: Gruppe G

Nach der kleinen Pause gestern (Feiertag – zumindest in Bayern und ein paar anderen Bundesländern) geht es heute weiter mit Gruppe G in der sich außer Deutschland noch Portugal, Ghana und die USA befinden.

Deutschland: Deutsche Klassiker hat mir der Deutschunterricht in der Schule ein für alle Mal vermiest. Dafür gibt es einige aktuelle deutsche Autoren, deren Bücher ich gerne lese. Zum einen möchte ich Oliver Plaschka nennen, der außergewöhnliche und anspruchsvolle Fantasyromane schreibt. Auch wenn ich mit seinem aktuellen Werk “Das Licht hinter den Wolken” ein paar Schwierigkeiten hatte, denke ich noch gerne an “Die Magier von Montparnasse” zurück, das nach wie vor zu meinen Lieblingsbüchern zählt.
Auch Tilman Rammstedt ist ein junger deutscher Autor, dessen Bücher ich gerne lese. “Wir bleiben in der Nähe” erzählt die Geschichte einer vergangenen Freundschaft und dem Versuch, diese wieder aufleben zu lassen. Sein Roman “Der Kaiser von China”, für den Rammstedt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2008 bekommen hat, handelt von einem Großvater und einem Enkel, die eine nicht ganz reale Reise nach China unternehmen.

Portugal: Leider habe ich noch kein Buch aus Portugal gelesen, die literarische Reise in dieses Land ist aber schon ganz lange geplant mit “Stadt der Blinden” von José Saramago. Menschen die einfach ohne Vorwarnung erblinden, eine Gesellschaft, die versucht, mit dieser Seuche umzugehen, das hört sich nach einer sehr skurrilen Situation und nach einem interessanten Buch an. Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf!

Ghana: Auch wenn afrikanische Literatur mich interessiert, gibt es doch einige Länder auf diesem Kontinent, mit deren Autoren ich mich noch nicht näher beschäftigt habe. Ghana gehört dazu. Bei meiner Suche bin ich auf Amma Darko gestoßen, die einige Zeit in Deutschland gelebt hat, jetzt aber wieder zurück in Ghana ist und Romane über das ghanaische Alltagsleben schreibt. Das hört sich für mich grundsätzlich interessant an und ich werde mir sicher irgendwann eines ihrer Werke kaufen.

USA: Autoren aus den USA kennt ihr sicher einige, Empfehlungen könnte ich mir an dieser Stelle also sparen. Ich möchte aber trotzdem die Gelegenheit nutzen, meine Lieblingsautoren aus diesem Land zu nennen. Schon öfter habe ich erwähnt, dass ich ein großer Fan von Ernest Hemingway bin. Ich finde es faszinierend, wie er mit wenigen klaren Worten Bilder vor meinen Augen entstehen lassen kann. Ich habe noch lange nicht alle seine Werke gelesen, fand bisher aber “Paris. Ein Fest fürs Leben” am besten. Ein Sammelband seiner Kurzgeschichten liegt auf meinem Nachttisch zum Lesen bereit.
Ähnlich wie mit Hemingwawy geht es mir auch mit Paul Auster. Auch seinen Stil mag ich sehr gerne und bin begeistert von seinen meist etwas surrealen Geschichten. Sein “Winterjournal”, in dem er sich auf sehr persönliche Art und Weise mit dem Älterwerden auseinandersetzt, liegt ebenfalls auf dem Stapel der Bücher, die ich demnächst lesen möchte.

Jetzt bin ich – wie immer – gespannt auf eure Empfehlungen aus diesen vier Ländern.

Den nächsten Beitrag dieser Reihe gibt es am Montag.